„Es ist nicht mehr unser Lebensstil, nicht zu reisen“

Armando Costantino und Mel Candea leben seit sechs Jahren in ihrem Campervan „Mork”. Sie arbeiten und leben auf den Straßen Europas. Während eines längeren Aufenthalts in Marokko kam der Streuner Ziggy dazu. Ein Interview mit Mel Candea.

Wie lange lebt Ihr in Eurem Campervan?

Wir sind seit 2012 unterwegs, leben und reisen seither Vollzeit hauptsächlich überall in Europa. Ich denke nicht, dass wir die Freiheit der Straße und unseren Lebensstil in naher Zukunft aufgeben werden – dazu lieben wir diese Art des Lebens zu sehr.

Was müsste passieren, damit Ihr wieder an einen festen Wohnsitz einziehen würdet?

Wir können uns kaum vorstellen, in ein “statisches” Leben zurückzukehren. Wir haben einiges zusammen durchgemacht und haben zusammen viele Momente erlebt, in denen wir uns wirklich gefragt haben: „War’s das jetzt? Können wir das lösen?”

Zum Beispiel wurde einmal in unseren Van eingebrochen. Armandos Filmequipment wurde gestohlen. Das zu einer Zeit, in der wir an einem Filmprojekt gearbeitet haben. Schließlich hat er mit meiner Digitalkamera den Auftrag fertig gestellt.

Kürzlich waren wir auch in der Situation, dass wir zwei Monate getrennt voneinander an einem Ort fest bleiben mussten. Wir haben uns beide elend gefühlt – das war eine echte Lernerfahrfung für uns. Es ist einfach nicht mehr unser Lebenstil, nicht zu reisen.

Was haben Familie und Freunde gesagt, als Ihr gesagt habt, dass Ihr in einen Camper einziehen wollt?

Wir beide leben seit Jahren im Ausland, als wir uns für den Umzug in den Van entschieden haben. Armando kommt aus Italien, hatte bereits über 11 Jahre in Bulgarien gelebt. Ich bin gebürtige Amerikanerin und hatte zuvor 11 Jahre in der Tschechischen Republik gearbeitet. Unsere Familien waren deshalb auch nicht überrascht, als wir ihnen von unseren Plänen erzählt haben. Sie haben sich für uns gefreut. Wir beide waren von unseren Leben gelangweilt und haben vom Reisen geträumt. Der Umzug in unseren Campervan hat unsere beiden Träume wahr gemacht. Wir sind beide sehr viel glücklicher als früher.

Wie bleibt Ihr im Kontakt mit Familie und Freunde?

Heutzutage ist das ziemlich einfach – dank Internet. Wir arbeiten beide online und haben daher immer ein mobiles Wlan-Gerät dabei oder kommunizieren über’s Smartphone und mobilem Internet. Es passiert selten, dass wir mal keinen Empfang haben. Wenn, dann passiert das nur in super abgelegenen Gegenden. Aber mit E-Mails, Facebook, Skype und Viber ist es quasi unmöglich nicht im Kontakt zu bleiben.

In was für einen Camper lebt Ihr und was habt Ihr für Ihn gezahlt?

Wir leben in einem Volkswagen Westfalia California von 1995 mit 1.9 TD-Motor. Wir haben unseren Van 2012 in Prag gefunden, als wir uns gerade erst zur Fahrzeugsuche entschieden hatten. Er stand gerade einmal ein paar Tage zum Verkauf und wir haben direkt zugeschlagen. Gekostet hat er 6.000 Euro. Der VW war voll ausgestattet mit Waschbecken, Kühlschrank, Gasherd und viel Stauraum und in einem Top-Zustand.

Trotz seiner 22 Jahre, ist unser Van noch sehr gut in Schuss. Dieses Jahr nehmen wir in bisschen mehr Geld in die Hand, um das alte Aufstelldach gegen ein Hochdach zu ersetzen. Für mehr Platz. Außerdem wollen wir den Camper zu 100 Prozent autark machen.

Seitdem wir den Camper haben, haben wir insgesamt wenige Dinge verändert. Wir haben zum Beispiel ein Solarpanel auf dem Dach installiert, um unsere Computer und anderes Elektroequipment zu laden. Außerdem haben wir eine Solardusche installiert, die auf dem Dach sitzt und zusätzlichen Dachstauraum, auch zur besseren Isolation. Es war nicht unser Plan einen Van zu kaufen und ihn dann zu einem Campervan umzuwandeln. Unsere Absicht war das gemeinsame Reisen und wir hatten wirklich Glück mit der Ausstattung unseres Fahrzeuges. Unterwegs haben wir schon einige Reisende getroffen, die tolle Anpassungen an ihrem Van vorgenommen haben. Die haben uns manchmal schon ein bisschen neidisch gemacht haben.

Hattet Ihr jemals größere technische Probleme mit dem Van?

Der Motor ist ziemlich robust, damit hatten wir bisher wenige Probleme. Pannen hatten wir schon unabhängig voneinander zum Beispiel mit der Wasserpumpe sowie der Servopumpe.

Einmal im Jahr bringen wir den Bus zur Inspektion, wo Öl, Filter, Bremsblöcke & Co. überprüft werden. Außerdem investieren wir jedes Jahr in Dinge, das uns mehr Sicherheit gewährleisten wie neue Reifen, Stoßdämpfer und Aufhängung.

Was ist der wichtigste Gegenstand für Euch?

Das ist schwierig zu sagen, aber es ist sicherlich Armandos Tablet beziehungsweise Telefon. Ich glaube, ohne das mobile Navi hätten wir nicht die Hälfte der Plätze entdeckt, die wir bisher auf unserer Reise gesehen haben.

Was nervt Euch am meisten am Leben als Digitalnomaden?

Das hängt von dem Land an, in dem wir gerade sind und was wir gerade brauchen. Es gab schon Momente, in denen wir zum Beispiel an einem Ort festsaßen und verzweifelt versucht haben, eine stabile Internetverbindung aufzubauen, um ein Projekt abzuschließen. Manchmal verfahren wir uns auch. Das ist ärgerlich, aber wir versuchen, dass nicht zu nah an uns rankommen zu lassen. Wir haben uns an dieses Leben über die Jahre hinweg gewöhnt. Viele Dinge sehen wir heute viel gelassener als früher, als wir gerade in den Van eingezogen sind.

Etwas, was uns beide aufregt, sind die Vorurteile gegenüber Menschen wie uns, die im Campervan leben. Einige sehen uns als schmutzige Hippies, die von Locals stehlen oder trendy „Rich Kids“, die auf Kosten ihrer Familie so leben. Wir haben einmal einen Mann getroffen, dem wir Leid taten, als er erfahren hat, dass wir im Bus wohnen. Auf die Frage, was denn passiert sei, hat Armando ihm erklärt, dass wir uns für das Leben so entschieden haben. Dem entgegnete er daraufhin nur mit einem verständnislosen „Oh“.

Wie ist das Leben als Paar in einem Campervan? Was macht Ihr, wenn Ihr Euch mal streitet?

Es ist anders, das ist sicher. Die Partnerschaft ist viel intensiver, weil wir quasi 24/7 zusammen sind. Außerdem arbeiten wir zusammen: Armando filmt und bearbeitet Video, ich mach Recherche, schreibe Texte und mache die Voiceovers. Für uns als Paar war das eine steile Lernkurve, nachdem wir zusammen in den Van gezogen sind, eine echte Feuerprobe.

Und von Zeit zu Zeit wird es selbst für das harmonischste Pärchen einengend, wenn man tagelang in einem Campervan festsitzt. Womöglich bei schlechten Wetter und man kann nicht einmal draußen einen Spaziergang machen. Wir haben gelernt, viel besser miteinander zu kommunizieren. Außerdem ist es in Ordnung, dass wir beide Tage haben, an denen uns nicht nach reden ist. Ich gehe spazieren, Armando geht Angeln oder Surfen. Um nach einem Streit wieder herunter zu kommen, geben wir uns Zeit. Dann sprechen wir darüber. Das funktioniert am besten für uns.

Bietet der Van genug Privatsphäre?

Manchmal haben wir zu viel Isolation, manchmal nicht genug Privatsphäre. Mitten im Nirgendwo zu sein, ist toll. Tagelang mitten im Nirgendwo zu sein und nur sich und den Partner zu haben, kann aber auch anstrengend sein. Auf der anderen Seite wird es schnell ungemütlich, wenn Menschen unangemeldet vorbeischauen und du bist gerade dabei bist, dich umzuziehen, zu schlafen oder der Van dreckig ist. Das ist uns in Marokko mit Unbekannten öfter passiert, die dann einfach nicht gehen wollten.

Habt Ihr einen festen Tagesablauf?

Ja, haben wir. Aber der ist langweilig. Wir stehen früh auf, so um fünf oder sechs Uhr morgens, und dann gibt es erst einmal Kaffee. Bei der zweiten Tasse planen wir dann die Tag: Arbeit, Reisen oder Freizeit? Müssen wir einkaufen gehen oder wie lange brauchen wir, bis wir zum nächsten Reiseziel? Danach richten sich unsere Tage.

Unsere Mahlzeiten timen wir nie, weil unsere täglichen Pläne variieren. Abends schauen wir meist einen Film oder eine Fernsehsendung. Von außen mag das langweilig erscheinen, aber wir sind nicht gelangweilt. Neue Sonnenunter- und Sonnenaufgänge, Berge oder Strände. Viele Menschen, völlige Einsamkeit. Wir befinden uns in konstanter Veränderung, die uns und unsere Arbeit auch immer inspiriert.

Vermisst Ihr irgendetwas aus Eurem früheren Leben?

Das Typische: Ein Ofen, zum Beispiel. Armando macht die beste Lasagne der Welt. Manchmal würde ich mein Leben für ein heißes Bad geben. Und an einigen Orten gibt es bestimmtes Essen nicht, wie Tacos oder asiatisches Essen, auf das man dann gerade besonders Lust hat.

Wie teuer ist das Leben on the road?

Das letzte Mal, dass wir es für zwei Personen und einen Hund überschlagen haben, sind wir bei knapp 1.000 Euro pro Monat rausgekommen. Mit dabei Diesel, Essen und andere Extras. Wir essen quasi nie auswärts, außerdem gehen wir nicht oft shoppen – außerdem haben wir dazu auch nicht den Platz. Wir haben bereits alles, was wir brauchen: Kleidung, Bettwäsche, Geschirr und unsere Computer für die Arbeit.

Wie verdient Ihr Geld, während Ihr Vollzeit im Camper lebt?

Armando ist Filmemacher und Cutter. Außerdem produziert er Animations- und Erklärvideos und schreibt italienische Artikel. Ich, Mel, verdiene mein Geld mit Schreiben. Ich schreibe Artikel, Posts, Manuskripte sowie Videoskripte und ich mache Voiceovers. Wir beide haben ein ausgeprägtes Arbeitsethos und wären verloren, wenn wir nicht die Arbeit zu tun hätten, die wir haben. Wir lieben unsere Jobs. Wir sind heute an einem Punkt, wo wir gutes Geld verdienen und dabei die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, an welches Projekt wir glauben und welches wir annehmen.

Als wir gerade in den Van eingezogen sind, war das anders: Wir haben für wenig Geld gearbeitet, mussten unseren Online-Ruf sowie unsere Fähigkeiten ausbauen. Es gab Zeiten, da konnten wir nicht weiterfahren, weil wir auf die Bezahlung warten mussten, um für den Diesel aufkommen zu können. Freelancing braucht Zeit, bis es sich bezahlt macht. Das braucht Zeit.

Was sind noch Eure Pläne für 2017?

Es ist immer schwierig feste Pläne zu machen. Wir machen „grobe Pläne”, die uns genügend Flexibilität erlauben. Dieses Jahr haben wir bis Mai an einem großen Projekt auf Sizilien gearbeitet. Von Sommer bis Herbst möchten wir Großbritannien besuchen. Bisher haben wir fast ganz Europa bereist, jetzt ist der Plan Schottland, Irland, Wales und England in unserem Van zu erleben.

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