Endlich launcht Sunlight sein neues Flaggschiff: In vielerlei Hinsicht ist der Ibex das bisher ambitionierteste Projekt der Allgäuer Abenteurer.
Wenn man den sozialen Medien ausnahmsweise einmal glauben mag, dann wird das hier der nächste große Hit: Im Digitalen, wo sich alles um Klicks, Likes und Impressions dreht, kann dem Ibex aktuell keiner das Wasser reichen – zumindest betrifft das die Teaser-Meldungen auf unseren Kanälen. Bei Sunlight dürfte das ähnlich wahrgenommen werden. Die Allgäuer nutzen die Strahlkraft des Ibex und sortieren noch vor dem eigentlichen Produkt-Launch ihr halbes Kastenwagen-Sortiment neu: Ibex heißt nun die Offroad-Baureihe, zu der auch das 4×4-Modell auf Ford Transit gehört.
Umso spannender, ob die eigentliche Produkt-Neuheit – der Ibex 604D auf VW Crafter – dem Hype auch gerecht werden kann. Natürlich will Sunlight abliefern. Man will zeigen, was im preissensiblen Einstiegssegment so alles geht und schickt uns in einem relativ voll ausgestatteten, seriennahen Prototyp auf Probefahrt.
Farbe, Felgen, Fahrwerk sagt man in der Tuningszene – und „Colours make Cars“. Beides passt so gut zum Ibex, dass wir dafür gerne ein paar Euro ins Phrasenschwein schmeißen. Der knapp sechs Meter lange VW Crafter ist in gleich vier spannenden Lackierungen zu haben. Von Desert Sand über Lava Black und Stormy Grey bis hin zum eisigen Glacier Blue greifen die Farben Elemente und Umgebungen auf, in denen sich der Ibex besonders wohlfühlen soll. Soweit das Marketing. Es ist aber auch ein umfangreiches Offroad-Paket erhältlich; samt Lightbar, AT-Radsatz in 18 Zoll und einer Differenzialsperre für die Hinterachse. Das permanente Allradsystem 4Motion sowie die eigentlich hochpreisige Offroad-Trittstufe, die hinter dem Schweller verschwindet und die Bodenfreiheit nicht einschränkt, kommen sogar in Serie. Unser gletscherblauer Prototyp ist zusätzlich mit einer Höherlegung um 30 Millimeter und einem Ansaugschnorchel von Seikel versehen. Offroad und im Segment der Kastenwagen spielt der Ibex also durchaus in einer der höheren Ligen.
Beim Ibex geht es jedoch nicht nur um die Geländegängigkeit. Großgewachsene Camper freuen sich über das eigens konstruierte Hochdach aus schwarz lackiertem GFK, das die Stehhöhe auf knapp zwei Meter hebt. Aufwendig ist auch, dass die Markise möglichst gut in das Dach-Design integriert wurde. Das macht optisch was her und dürfte die Windschlüpfrigkeit verbessern – wobei Letzteres nicht gerade leicht auszumachen ist, weil die Stollenbereifung (Loder AT#1) laut ist und den Verbrauch erhöht.
Ohne Frage verbessert sich durch das Hochdach samt offenem Fahrerhaus auch der Raumeindruck. Gleiches gilt für das gelungene Interieurdesign in warmer Holzoptik und coolem Anthrazit. Dass die Rahmenfenster von einem chinesischen Zulieferer stammen, fällt erst bei genauerem Hinsehen auf. Qualitativ ist an ihnen erst mal nichts auszusetzen. Angenommen, der wackelige Tisch und ein paar schlecht eingestellte Scharniere sind noch dem Prototypenstatus geschuldet, geben erst die großflächigen Wandverkleidungen aus Kunststoff preis, dass wir uns mit dem Ibex immer noch im preissensiblen Einstiegssegment befinden.
Beim Grundriss hält sich Sunlight an die gewohnte Linie. Von der B-Säule bis zum Bad wurden 104 Zentimeter für die Sitzgruppe reserviert – was großzügig ist in einem Crafter. Entsprechend groß fällt auch der Tisch aus: 86 mal 50 Zentimeter samt ausdrehbarer Erweiterung genügen locker, um vier Teller plus Getränke stellen zu können. Die Lehne der Rückbank steht schön schräg und bietet eine Isofix-Halterung, zwei Dreipunktgurte und separate Kopfstützen, also ausreichend Komfort und Fahrsicherheit. Allerdings ist die Sitzhöhe mit 40 Zentimetern auffallend niedrig gewählt – ideal für Kinder?
Zwischen Bank und Küche bleibt der Mittelgang wenigstens 38 Zentimeter breit. Und obwohl er sich zum Heck hin öffnet, bleiben wir mehrfach an den hüfthoch angebrachten Lichtschaltern und, schlimmer noch, an den windigen Abdeckungen der 230-Volt-Steckdosen hängen. Mindestens genauso oft wurde die zweiflammige Kocher-Spüle-Kombination von CAN kritisiert, deren Brennerabstand sehr gering ausfällt – zu gering für normalgroße Töpfe, doch immerhin bleiben so 40 mal 43 Zentimeter Arbeitsfläche.
Bei der Aufteilung der Stauräume macht es sich Sunlight leicht: Eine große Schublade ohne Unterteilung oder Besteckeinsatz gibt es und eine große Schranktür, hinter der sich zwei Regalböden verstecken. Vorräte oder größeres Kochgeschirr kommen zur Genüge unter; beides erreicht man aber nur, indem man sich in den schmalen Mittelgang bückt. Da sollte die Falttür zum Bad stets geöffnet sein, auch wenn Sunlight eine sportlich-schlanke Zielgruppe im Visier hat. Immerhin haben die geräumigen Oberschränke eine ordentliche Rüttelkante. Noch deutlich besser macht das Thetford: Der Zulieferer spendiert seinem neuen Kompressor-Kühlschrank mehrere Trennwände, einen Einlegeboden, ein Türfach und eine zusätzliche Schublade. Zudem lässt sich das Gefrierfach separat schalten und im Ibex optional sogar per App. Dafür, für den relativ leisen Kompressor und für satte 90 Liter Rauminhalt, gibt’s von uns die volle Punktzahl.
Gegenüber geht’s durch die bereits erwähnte, praktische Falttür komfortabel in die Nasszelle, der Sunlight 80 Zentimeter Länge und 84 Zentimeter Breite zuspricht. Das Bad ist ab Werk mit einem Fenster ausgestattet, einzig für den Holzeinleger verlangt der Hersteller einen überschaubaren Aufpreis. Die Bewegungsfreiheit ist ausreichend, dank Fidlocks am Duschvorhang und einem Klappwaschbecken auch beim Abbrausen. Die Beleuchtung ist ordentlich, das Angebot an Stauraum ebenfalls okay – auch wenn die Rüttelkanten hier teilweise fehlen.
Bleiben das Bett und der Stauraum darunter. Letzterer bietet eine praktikable Größe (L x B x H: 127 x 77 x 65 cm) und vier robuste Zurrösen. Im seitlichen Podest hinter dem Gaskasten, versteckt sich ein weiteres, großes Staufach und darunter ein Großteil der Technik. Wenn mehr Platz benötigt wird, lässt sich der Lattenrost mit einem Handgriff aufstellen und auch sichern. Das sowie das schiebbare Schott sind praktische Details, die zuvor nur bei den höherpreisigen Marken der Hymer-Gruppe zu finden waren.
Das Querbett punktet vor allem mit seiner super bequemen, elf Zentimeter starken Matratze. Erholung findet man hier garantiert – auch wenn die Matratze strenggenommen deutlich kürzer ist als die angegebene Liegefläche. Die Füße großgewachsener Camper müssen mit der beschriebenen Wandverkleidung aus schnödem Kunststoff vorliebnehmen, doch wenigstens dürften die Karosserieverbreiterungen aus GFK-Sandwich ganz gut isolieren. Was wiederum positiv auffällt: Auch im Bereich der Betten generiert das Hochdach ein tolles Raumgefühl. Trotz großer Dachstauschränke bleibt spürbar mehr Bewegungsfreiheit als in vielen Campervans auf Fiat Ducato. Auch eine offene Ablage sowie Gummibänder zum Fixieren von Kleinkram fehlen nicht, und in den 12-Volt-Stromschienen ließe sich leicht eine USB-Steckdose nachrüsten.
Stichwort Strom: Mit dem Ibex bietet Sunlight erstmals das Upgrade auf einen LiFePO4-Akku an. So steigen Zuladung und Autarkie. Ebenfalls neu ist das optionale Smart-Camper-Paket, mit dem sich sämtliche Füll- und Zustände digital überwachen lassen. Die Steuerung gelingt flüssig und intuitiv über einen kleinen Touchscreen oder das eigene Smartphone. Wofür noch keine Lösung kommuniziert wurde: Auf dem Dach bleibt kaum noch Platz, zum Beispiel für ein Solarpanel.
Auch wenn es vor einem echten Test mit einem Fahrzeug aus der Serienproduktion noch kein finales Fazit geben kann: Der erste Eindruck ist vielversprechend, der Hype um den Ibex nicht ganz unbegründet. Das gilt insbesondere, weil die Technik mit dem sehr gelungenen Look des Ibex mithalten kann.
Natürlich, wenn bei einem Einstiegspreis von 88.000 Euro und einem Testwagen für über 100.000 Euro über das „preissensible Einstiegssegment“ gesprochen wird, muss großzügig definiert werden. Fakt ist aber auch, dass vergleichbar ausgestattete 4×4-Camper nicht selten 30 Prozent teurer sind. Und so anders ist deren Machart nicht.