VW hat den Grand California überarbeitet, ein preisattraktives Sondermodell kreiert und zum Ancampen ins sonnige Südspanien geladen – na, wenn das mal nicht Grund genug ist, alle Infos und Eindrücke zusammenzutragen.
Auch bei VW kommt man nicht vorbei am All-Terrain-Trend – oder wenigstens am entsprechenden Look. Dabei scheut man nicht davor, auf die Kunststoff-Beplankung zu verweisen, die den robusten Auftritt noch verstärken soll. Optional kann das neue Sondermodell Dune aber auch mit Allradantrieb und einer Hinterachs-Differenzialsperre bestellt werden – und das bei einem Preisvorteil von etwas über 3.600 Euro sowie einer beliebten Lackierung, die dem Grand California bisher vorenthalten war. Mit Vitamin D (Dune-Paket) sind außerdem das ansonsten aufpreispflichtige Assistenzpaket Advanced, LED-Hauptscheinwerfer, Leichtmetallfelgen, eine Rückfahrkamera, die Klimaautomatik und Campingstühle an Bord.
Plot-Twist – hier geht’s gar nicht um den Dune, denn den darf der jüngere Teil der Redaktion nicht fahren. Oder zumindest nicht den Testwagen, den die Verantwortlichen von VW mit dem bereits erwähnten, 6.146 Euro teuren 4Motion-Allrad ausstatten. Damit ist der knapp sechs Meter lange Kastenwagen zwingend als 3,88-Tonner zugelassen. Fürs jüngere Publikum mit B-Führerschein ist es die leidige Führerschein-Thematik, alle anderen erkaufen sich das Plus an Traktion durch teurere Maut, das Lkw-Überholverbot und niedrigere erlaubten Höchstgeschwindigkeiten.
Also Platz nehmen im zweifarbig lackierten Fronttriebler. Was nicht weiter tragisch ist, denn ansonsten wurden die Testwagen recht ähnlich konfiguriert. Allerdings: Ohne Preisvorteil oder Rabatte knackt ein ordentlich ausgestatteter Grand California 600 locker die 100.000-Euro-Grenze. Dann sind neben dem Infotainmentscreen mit riesigen 32 Zentimeter Bildschirmdiagonale auch viele Assistenzsysteme an Bord, die allesamt zuverlässig, feinfühlig und nachvollziehbar agieren. Auch Fahrdynamisch gehört der Crafter, der als Grand California immer mit dem großen 163-PS-Motor und einem Wandlergetriebe ausgestattet ist, zum Besten, was man in dieser Klasse kaufen kann. Mit der Modellpflege gibt’s außerdem ein digitales Kombiinstrument und eine elektrische Feststellbremse – Sitze drehen geht damit deutlich leichter als mit angezogener Handbremse.
Auf ein offenes Fahrerhaus verzichtet VW zugunsten einer riesigen Ablage, die alternativ mit einem klappbaren Kinderbett (160 – 191 x 49 – 118 cm, 3.695 Euro) konfiguriert werden kann. Tatsächlich ist das Staufach in dem kleinen Alkoven so groß, dass eine Unterteilung oder wenigstens eine Anti-Rutschmatte wünschenswert wäre. Hinter der Ablage öffnet sich der Wohnraum mit satten 2,16 Meter Stehhöhe. Beim Tisch verzichtet man auf die übliche, ausdrehbare Verlängerung. Trotzdem ist er großzügige 114 Zentimeter breit, und je nach Positionierung muss man sich ganz schön schlank machen, wenn man in den Wohnraum durchrutschen will. Deshalb wird der Tisch so oft es geht im Heck verstaut. Das weiß auch VW: statt Zurrgurten auf der Matratze gibt es zum Facelift eine ordentliche Halterung, die den Tisch in der Heckgarage fixiert. Zudem kann der Tisch nun auch an der Rückseite des Küchenblocks arretiert, sprich draußen verwendet werden. Dafür sollte das Fahrzeug aber eben stehen, denn höhenverstellbar ist das Tischbein nicht.
Im Fahrzeug sitzt man auf einer 84 Zentimeter breiten Bank mit ergonomisch ausgeformten Polstern, sprich sehr bequem. Alternativ sind zwei Isofix-Halterungen Serie, wofür die Bank jedoch zu schmal sein dürfte. Mit dem Facelift sind die Tisch- und die Arbeitsplatte der Küchenzeile sowie der Bodenbelag aus PVC im neuen Dekor „Atami Bambus“ ausgeführt. Dadurch wirkt der Grand California weniger steril als bisher, ganz in Weiß. Es bleibt jedoch bei einem cleanen, automotiven Look. Für die Armatur der Küche sowie sämtliche Griffe, Schalter und Steckdosen wählt VW ab sofort mattschwarzen Kunststoff. Auch dadurch wurde das Interieur behutsam modernisiert.
Es gibt jedoch auch technische Anpassungen. So wurden die Oberschränke mit Gepäcknetzen ausgestattet, was gerade bei der eigenwilligen Grand-California-Lösung mit doppelter Klappe keine schlechte Idee ist. Tipp: Am besten klappt’s, wenn T-Shirts und Hosen gerollt verstaut werden. Zudem wurde die Ergonomie der Griffe – inklusive des Kühlschranks – überarbeitet und spürbar verbessert. Der Kühlschrank ist eigentlich eine Kühlschublade plus Gefrierfach mit Kompressortechnik und gut auch von außen erreichbar. Arbeits- und Abstellfläche generieren mehrere Brettchen, die ausgezogen oder ausgeklappt werden. Die Arbeitshöhe passt mit 88 Zentimetern eher für kleinere Erwachsene. Zum Kochen und Spülen steht ein Kombigerät von Dometic bereit, bei dem der Brennerabstand (19 cm) etwas gering ausfällt. Wobei: Auch für die Schubladen dürfen die Töpfe nicht allzu groß ausfallen. Allgemein ist aber ausreichend Stauraum für Geschirr und Vorräte vorhanden.
Die Nasszelle gehört zu den absoluten Highlights des Grand California 600. Auf 84 mal 84 Zentimetern, mit Klappwaschbecken und ohne Duschvorhang gibt es ausreichend Bewegungsfreiheit. Auch Kleiderhaken und eine Handtuchstange fehlen nicht. Die doppelte LED-Lichtleiste für direkte und indirekte Beleuchtung ist ebenso klasse wie die Tür des Badschranks, die beidseitig bespiegelt ist. Speziell, aber nicht verkehrt: Wandregale aus gebogenem Blech, die in der Reling eingehängt werden. Feuchtigkeit und Spritzwasser sind damit kein Thema mehr, jedoch ist die Rüttelkante nicht allzu hoch. Kleinere Gegenstände sollten also in den Spiegelschrank.
Die Höhe der Kassettentoilette stimmt und sie ist ab Werk mit dem SOG-System ausgestattet. Die Toilettenentlüftung erlaubt die gewohnten Entsorgungsintervalle von drei bis vier Tagen, aber ohne die Verwendung von Zusätzen bei zumindest weniger unangenehmen Gerüchen. Im Fall der Fälle – etwa wenn in der andalusischen Nebensaison fast die gesamte Camping-Infrastruktur lahm liegt – kann der Inhalt guten Gewissens auch mal in einem normalen WC entsorgt werden. Der Toilettenschacht mit Zentralverriegelung begeistert noch sechs Jahre nach seiner Präsentation, und er ist gewissenhaft verfugt. Wenn es am Bad überhaupt etwas zu bemängeln gibt, dann sind das ein, zwei versteckte Ecken, die sich nur mühsam putzen lassen – zumal wegen des cleanen Looks jedes Haar und jeder Fussel doppelt auffällt.
Im Gegensatz zu den Grand Californias, die wir 2019 und 2020 testen durften und dessen Schottwand mit Aussparungen versehen war, gibt es nun keinerlei Aufstiegshilfen ins 93 Zentimeter hohe Bett. Zu groß sollte man wiederum auch nicht sein, denn der Querschläfer bietet trotz beidseitiger Karosserieverbreiterungen aus GFK nur etwas über 1,90 Meter Liegelänge. Die dreiteilige Matratze auf Kunststoff-Federtellern ist eher straff, für unseren Geschmack aber sehr bequem. Im Schulterbereich kommt sie auf großzügige 154 Zentimeter Breite. Das große Dachfenster kompensiert die eher kleinen Fenster in den Hecktüren. Es gibt offene Ablagen und eine Kleiderstange, dimmbare Lese- und optional eine mehrfarbige Ambientebeleuchtung, die – wie die übrigen Verbraucher – digital und mobil gesteuert werden kann. Trotzdem fehlen auch haptische Lichtschalter nicht. VW platziert zusätzlich einen Schalter für die Zentralverriegelung im Bereich der Betten – auch das ist keine schlechte Idee. Allerdings, die USB-A-Steckdosen im Wohnraum passen so gar nicht zum modernen Grand California, insbesondere weil im Crafter-Cockpit bereits der USB-C-Standard Einzug hielt.
Ein weiterer Verbesserungsvorschlag betrifft das klappbare Bettgestell aus schwerem Stahlrohr. Wenn hier und da ein paar Kilogramm eingespart würden, wer weiß, vielleicht wäre dann sogar der Allrad drin gewesen. Zumindest theoretisch gäbe es ja noch die Möglichkeit, den Möbelbau à la kleinem California aus Alu-Sandwich anstatt Pappelsperrholz zu fertigen.
Und dann wäre da noch die Zwangsentlüftung in der Heckgarage, die deutlich höher baut als das Bodenniveau – also immer schön die Ladung sichern, aber das sollte ohnehin selbstverständlich sein. Airlineschienen und Zurrösen sind werkseitig verbaut, weitere Halterungen inklusive Campingmöbeln gegen 631 Euro Aufpreis. Auch ein paar sinnvoll unterteilte Schränke fehlen der Heckgarage nicht, und wenn wie im Testwagen die Dieselstandheizung konfiguriert wird, bleibt im Gaskasten auch noch ordentlich Platz.
Kein anderer Kastenwagen bietet so viel automotiven Standard wie der Grand California. Das reicht von der Abriebklasse der Polsterbezüge bis zum crashgetesteten Kühlschrank. Das hat Vorteile, denn was es an Bord geschafft hat, sollte funktionieren. Andererseits fällt wohl die eine oder andere Idee durchs Raster, weil deren Entwicklung zur Serienreife zu aufwendig oder zu teuer wäre – Beispiel Anti-Rutschmatte.
Die Verbesserungen zum neuen Modelljahr kommen an den richtigen Stellen, halten den Grand California frisch und auf der Höhe der Zeit. Dort ist allerdings auch der Preis angekommen: vom damaligen Einstiegs-Kampfpreis – 54.990 Euro – ist man inzwischen weit entfernt. VW steuert mit einem Sondermodell dagegen, das mehr kann als den All-Terrain-Look. Es ist allem voran sinnvoll ausgestattet. Parallel gehen zurzeit einige Händler mit beträchtlichen Rabatt-Aktionen in die Offensive. Die darf man sich durchaus mal genauer ansehen.