Im Pick-up ins Extreme

Mitsubishi L200 als Camper

Ein kompakter Camper für hartes Gelände. Gibt es eigentlich nicht. Man kann nur Abstriche in Kauf und viel Geld in die Hand nehmen. Ist ein Pick-up mit Dachzelt und Küche die bessere Wahl?
Fotos & Text: Andreas Güldenfuß

Wenn man kompakt mit rund fünf Metern Länge und unter zwei Metern Breite definiert, landet man zwangsläufig im Segment der Campingbusse, also VW Bus oder Mercedes-Benz Vito beziehungsweise V-Klasse. Im Laufe ihrer Evolution wurden aus den ehemals robusten Transportern für den harten, gewerblichen Einsatz aufgeblasene Pkws mit tollem Fahrverhalten auf der Straße und komfortablem Fahrwerk. Immer schneller, sparsamer und günstiger zu produzieren war und ist das Ziel, robust und langlebig ist dagegen nicht gerade umsatzfördernd.

Wer so einen Personen-Transporter mit Allradantrieb ausstattet und meint, damit ins Gelände zu können, irrt sich gewaltig. Schlechtwegetauglichkeit und mit Glück etwas größere Chancen aus der nassen Wiese zu kommen – mehr ist serienmäßig nicht geboten. Allerdings gibt es umfangreiches Zubehör, vom einfachen Unterfahrschutz, Höherlegungen, bis hin zum kürzeren Getriebe, welches die Abenteuerlust ein bisschen beflügelt. Am Ende der Fahnenstange angelangt, kann es einem aber noch immer passieren, dass man sich auf Wegen festfährt, auf denen die Einheimischen mit ihren abgerockten Kleinwagen mit Frontantrieb Kreise um einen ziehen – ein Bus wird nur ganz schwer ein Geländewagen.

Offroad ist der Mitsubishi L200 so ziemlich jedem Campervan überlegen, der Fahrkomfort und die Fahrleistungen sind dafür nur guter Kastenwagen-Durchschnitt.

Also doch ein richtiger Offroader vom Schlag einer G-Klasse, eines Defender oder HZJ mit einem Aufstelldach. Der Schritt ist groß und vielen dann doch zu extrem. Die eierlegende Wollmilchsau wächst eben nicht in jeder Ecke. Aber es gibt ja noch den Klassiker: Natürlich sagen viele, ein Pick-up wäre kein richtiger Geländewagen – und mit einer Wohnkabine gleich zweimal nicht. Aber er bringt schon mal ein paar wichtige Voraussetzungen wie Leiterrahmen, robuste Achsen und – ganz wichtig – eine zuschaltbare Untersetzung mit.

 

Mitsubishi hat sich dem Thema angenommen und den ultimativen Mitsubishi L200 als Camper konzipiert, mit allem, was man Offroad so braucht oder brauchen könnte. Und das ist wirklich Programm. Die Liste der verbauten Teile sprengt fast den Geldbeutel: Hardtop, Schwerlastauszug, Seilwinde, Luftfahrwerk, Solaranlage, Markise, Wechselrichter, Dachzelt, Küche, Kühlbox und sogar eine Außendusche sind an Bord.

Auf den ersten Blick das perfekte Actionmobil für Touren abseits befestigter Straßen und der Touristenströme. Das Fahrzeug für  Entdeckungsreisen: Fahren, am Abend einen Platz finden, Übernachten und am nächsten Morgen weiter. Doch da geht es schon los: Das aufblasbare Gentle-Tent-Dachzelt wiegt weniger als 30 Kilogramm und bietet mit einer Grundfläche von 2,20 mal 1,40 Meter wirklich ordentlich Platz im ersten Stock. Bevor man sein Gemach beziehen kann, muss aber zuerst ausgepackt und aufgepumpt werden. Zum Glück gehört die auch zur Stabilisierung der Liegefläche benötigte Leiter zum Lieferprogramm. Eigentlich macht es ja nichts aus, auf zwei Metern Höhe auf dem Dachträger herumzuturnen, aber bei Regen ist es nicht so lustig. Das erste Problem, bevor das Camping-Abenteuer überhaupt losgeht – weder bei Regen noch bei 35 Grad spaßig, ein bisschen wie Zelten. Und dann ist auch noch der Kompressor kaputt und das Luftgestänge muss von Hand aufgepumpt werden. Zum Glück kennt das heutzutage fast jeder vom SUP und nach rund zehn Minuten – wenn beim Abstöpseln die Luft nicht wieder entfleucht – thront das Zelt stabil auf rund zwei Metern Höhe. Während es im Dachzelt schon gemütlich oder wenigstens trocken ist, wird am Boden die 270-Grad-Markise ausgefahren, um zumindest ein bisschen geschützt zu sein.

Theoretisch müsste man nur den Kompressor an der 12-Volt-Steckdose anschließen und das Zelt würde sich von alleine aufbauen – manuell aufpumpen geht aber auch.

Unter dem robusten Hardtop ist alles vollgestopft mit Technik. Platz für Gepäck gibt es kaum, zumal die Fächer so klein unterteilt sind, dass man keine Taschen oder zusätzliche Kisten verstauen kann. Das muss dann alles auf den Rücksitz. Rein konzeptionell wurde das Fahrzeug gebaut, um einmal an einen einsamen, schwer erreichbaren Ort zu fahren und dort mindestens ein paar Tage zu stehen, es sollte halt ein Bach oder eine Quelle in der Nähe sein. Auf dem Hardtop befindet sich ein mobiles Solarpanel. Die Anschlüsse dafür sind aber genauso wie der Landstrom-Anschluss schlecht erreichbar und im Spritzbereich der Hinterräder tief unter dem Heck angebracht.

Die komplette Küche mit Kocher und Kühlbox sowie die Wassertanks sind auf einem Schwerlastauszug montiert. Die Einrichtung besteht aus einem Aluminium-Modulsystem, das allerdings wenig Platz für Abweichungen lässt. Der Hersteller des Systems kommt aus dem Bereich Sonderfahrzeuge und das Thema maßgeschneidert beschränkt sich nicht nur auf die Anpassung im Fahrzeug, sondern auch auf die Ladung. Für einen „Camper“ dieses Formats ist die Ausstattung sehr speziell.

 

Prinzipiell alles dabei, toll ausgestattet, robust und sicher verstaut. Allerdings bietet der Ausbau nicht wirklich viel Stauraum oder die Fächer sind einfach zu klein für Gepäck.

Große Batterie, Wechselrichter für 230 Volt, der große Sicherungskasten mit Fehlerstrom-Überwachung. Dafür, wie wir das Fahrzeug nutzen würden, ist der Ausbau relativ unpraktisch. Eigentlich bleibt kein Platz für Ausrüstung – außer auf der Rückbank.

Und auch sonst: Mit so einem Gerät fährt man doch eher in einsamere, unberührte Gegenden, parkt sein Fahrzeug, unternimmt Touren und kommt am Abend zurück, fängt an zu Kochen, übernachtet dort und fährt am nächsten Tag weiter. Dafür gibt es wirklich schnellere und einfachere Lösungen als das Luftdachzelt – okay, die sind dafür deutlich schwerer und als Modell mit Hartschale meist auch teurer.

Dennoch: Als ehemaliger Besitzer eines Pick-ups mit kleiner Wohnkabine, genau genommen dem guten alten Nissan MD21 mit einer Aeroplast Explorer, gefällt mir das Konzept „Pick-up-Camper“ ganz gut. Allerdings eher aufs Wesentliche reduziert, mit Dachzelt, Kocher, Kühlbox, Wasserkanister und viel Platz fürs Sportgerät. Ein Ladebooster, damit die Batterie während der Fahrt geladen wird, sollte ausreichen. Damit wäre so ein Mitsubishi L200 ein ordentliches Adventure-Mobil für die letzten, mehr oder weniger unbereisten Flecken Europas. Alltagstauglich ist der Fünfsitzer mit seinem 2,3-Liter-Euro-6d-Diesel mit 150 PS ebenfalls, wenn auch kein Rennwagen. Allerdings ist er mit knapp zehn Litern Verbrauch im Alltag nicht ganz so sparsam.

Ein Sommergewitter, schon hat die anfängliche, durch die fette Optik ausgelöste Begeisterung Schaden genommen. Und auch beim "Grundriss" gibt es Schwächen.

Auch preislich könnte man sich den Pick-up schön rechnen. Nimmt man einen VW T6.1 4Motion Transporter mit 150 PS, ist man bei rund 43.000 Euro. Der 150-PS-Einstiegs-L200 mit zuschaltbarem Allrad und 6-Gang-Schaltgetriebe kostet knapp 34.000 Euro. Dann noch ein Hardtop und ein Dachzelt und schon kann es losgehen – wenn man richtig Offroad möchte.

Konzept gut, Ausführung mangelhaft – wobei das kein Vorwurf sein soll, der L200 wurde sicher nicht als Camper konfiguriert, sondern es wurde alles reingepackt, was der

Katalog hergegeben hat. Auch wenn nicht alles funktioniert hat, das Thema kribbelt in den Fingern. Richtig gemacht, finde ich das Konzept und die Alternative nicht schlecht.

Technische Daten

Basisfahrzeug: Mitsubishi L200. Vierzylinder-Turbodiesel mit AdBlue und SCR-Katalysator. Hubraum 2.268 cm³. Leistung 110 kW/150 PS bei
3.500/min, 400 Nm bei 1.750/min. 6-Gang-Automatikgetriebe, Heckantrieb mit zuschaltbarem Allradantrieb. Untersetzung und Sperre an der Hinterachse.

Maße und Massen: (L x B x H) 530 x 188 x 184 cm, Radstand: 300 cm. Leergewicht: 2.147 kg, zulässige Gesamtmasse: 3.110 kg.

Aufbau: Stahlblechkarosserie auf Leiterrahmen. Vorne Einzelradaufhängung, hinten Blattfedern.

Füllmengen: Diesel 75 l, AdBlue 21 l

Sonderausstattung: Seilwinde 2.780 €, Hardtop 4.390 €, Heckauszug 1.590 €, Innenausbau 5.570 €, Dachzelt 2.340 €

Testverbrauch: 9,7 l/100 km

Grundpreis: ab 33.590 €

Testwagen: 45.690 €, Umbau ca. 40.000 €

Redaktion
Andreas Güldenfuß

Klettern, Bergsteigen und Mountainbiken – alles Sport, bei dem man viel unterwegs ist. Das erste Auto: Ein selbst ausgebauter T3 – das war vor über 30 Jahren und seitdem keinen Tag nicht mindestens einen Camper besessen. Am Heft mach ich von allem etwas.

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