> Offroad-Abenteuer Westalpen

Hoch hinaus

04.06.2024

Endlich mit dem eigenen 4x4-Camper losziehen. Was kann es dafür Schöneres geben, als ein Ziel hoch über den Wolken? Wir reisen mit dem 4x4-Bulli durch die Westalpen, wo Frankreich, Italien und die Schweiz aufeinandertreffen.

Da stehen wir nun, ganz oben auf dem Monte Jafferau und sind überwältigt von der Fernsicht – und ein bisschen außer Atem. Wir haben den VW T5 auf dem Parkplatz allein gelassen, erkunden die Reste des Fort Jafferau und sind auf der Suche nach Fotomotiven. Dabei kommen immer wieder die frischen Eindrücke der Kraxelparty auf der Schotterpiste hoch. Was für ein Trip! Wir sind endlich mit meinem eigenen 4×4-Van unterwegs. Nicht nur der Weg hier her, sondern auch der Weg zum Bus hat sich gelohnt. Wir halten kurz inne und blicken zurück.

"Die bunten Hunde auf knapp 3.000 Metern Höhe sind die Vans. Da zollen sogar Piloten wilder 4x4-Boliden Respekt."

Island ist schuld

2019 machte ich Urlaub auf Island und mietete dafür einen Mitsubishi Pajero mit Dachzelt. Danach war klar, dass ein eigener Allradler für Freizeit und Urlaub vor die Türe muss. Und zwar ein Bus, da mich das Dachzeltkonzept bei schlechtem Wetter nicht überzeugte. Nach langer Suche fand ich einen passenden T5 Multivan, der uns nun leicht modifiziert den Berg hochgebracht hat.

Neben Anna mit an Bord: Allrad und Hinterachssperre, Seikel-Höherlegung und größere AT-Reifen. Im Innenraum sind eine 110-Ah-Lithium- Batterie, ein 300-Watt-Wechselrichter für Kamera und Drohne, Landstromanschluss, ein selbstgebautes Küchenmöbel, eine Kompressorkühlbox und ein Bett, basierend auf der Dreier-Sitzbank, sowie Frisch- und Abwasserkanister untergebracht.

Unser Team, das sind der T5, meine Kindergartenfreundin Anna und ich, ist nach der gestrigen, entspannten Anreise heute früh vom Campingplatz Gran Bosco in Salbertrand zum Gipfelsturm aufgebrochen – Tagesziel: der Monte Jafferau. Insgesamt 50 Kilometer, auf denen sich Bus, Beifahrerin und Fahrer beim ersten gemeinsamen Pistentrip tapfer geschlagen haben.

Bildergalerie

Vor dem Start der Etappe schwang ein bisschen Nervosität mit. Wie wird sich der T5 auf dem Weg bis auf 2.800 Meter über dem Meer schlagen? Obwohl dem VW eine Untersetzung fehlt, ackert er sich wacker den Berg hinauf. Zunächst fahren wir noch durch Nadelwälder, dann wird die Piste zunehmend steiniger und schroffer. Eines der Highlights auf dem Weg zum Gipfel ist sicherlich der etwa 900 Meter lange, mehrfach gekrümmte und unbeleuchtete Tunnel Galleria del Seguret.

Pflichtbewusst hupen wir vor der Einfahrt, um eventuellem Gegenverkehr Bescheid zu geben, denn der Tunnel ist einspurig und die einzige Passierstelle ist schon fast am anderen Ende. Überall tropft es von den Tunnelwänden, während die Scheinwerfer die einzige Lichtquelle sind. Schock! Lichtkegel tauchen auf! Müssen wir nun hunderte Meter im Tunnel rückwärtsfahren? Glück gehabt, es sind nur einige Motorradfahrer, die gerade so am Bus vorbei passen.

Am Forte al Seguret, direkt nach dem Tunnel, machen wir einen kurzen Stopp. Das zum Großteil verfallene Gebäude ist einer der vielen Überreste alter militärischer Befestigungsanlagen. Über mehrere Serpentinen geht es die letzten Höhenmeter zum Gipfel des Monte Jafferau.

Kulinarisch halten wir es mit Pasta und lokalen Produkten wie Brot, Käse und Salami einfach. Dafür genießen wir die Jause stets mit tollen Ausblicken.

Lecker Pasta auf 2.800 Meter

Genau hier stehen wir jetzt – neben allerlei anderen Offroadern – und kochen Pasta. Und wir sind gekommen, um zu bleiben. Während sich abends allmählich der Parkplatz leert, freuen wir uns auf unser Höhenlager im Bus. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und ohne Standheizung genießen wir unser Stück Freiheit in den Bergen. Der Wecker holt uns früh aus dem Schlaf, mehr als ein heller Streifen ist am Horizont noch nicht auszumachen.

Doch der Himmel ist klar und in Erwartung der ersten Sonnenstrahlen laufen wir nochmals die paar Meter hoch zum Gipfel. Erst langsam werden die umliegenden Gipfel in das warme, weiche Licht der aufgehenden Sonne getaucht. Und dann ist er da, der perfekte Moment. Es ist kalt und windig, aber die Sonne klettert zunehmend über die Bergkette und wärmt uns auf. Bis auf den Wind ist es komplett still und die kalte Nacht ist schnell vergessen. Die flach stehende Morgensonne verstärkt die Konturen der Gebirgslandschaft.

Wir verweilen noch etwas, ehe wir über die Skipistenroute zurück ins Tal fahren. Die Abfahrt ist sehr steil und stellenweise stark ausgewaschen. Im Tal angekommen, gönnen wir uns ein Frühstück im Sonnenschein, während die Vorfreude auf die heutige Tagesetappe wächst.

Empfehlung

Assietta-Kammstraße

Frisch gestärkt fahren wir nach Susa, dem Einstieg in die Assietta-Kammstraße. Vor dem eigentlichen Track winden wir uns über 32 Serpentinen auf einer maximal anderthalbspurigen Straße durch dichten Wald bergauf.

Bald ist die Passhöhe des Colle delle Finestre erreicht. Läuft man die paar Meter vom Parkplatz zum verfalle- nen Forte delle Finestre hinüber, bietet sich ein toller Blick auf die zurückliegende Schotterpiste, die sich als helles Band zwischen den Wiesen abhebt. Weiter geht es in Richtung Kammstraße. Als wir auf einem Hochplateau eine kurze Pause machen, kommt es zufällig zu einem ganz besonderen Familientreffen – drei Bulli- Generationen versammeln sich zu einem Gruppenbild.

Über weite Strecken führt die Piste an steilen Hängen entlang, während man sich auf einer Höhe von etwa 2.500 Metern befindet. Da es sehr staubt, ist am Heck vom blauen Lack bald nichts mehr zu sehen. Mit dem Bus im Rallye-Dakar-Look gelangen wir schließlich nach Cuneo. Wir checken auf dem Bisalta Camping Cuneo ein, um am kommenden Morgen in die Ligurische Grenzkammstraße einzusteigen. Voller Vorfreude lesen wir uns noch ein wenig zur bevorstehenden Tagesetappe in einschlägigen Reiseführern ein.

Der nördliche Teil der Ligurischen Grenzkammstraße fasziniert mit seiner spektakulär in den Fels gebauten Streckenführung.

Die Ligurische Grenzkammstraße

Der neue Tag ist da, es steht der nördliche Teil der Ligurischen Grenzkammstraße auf dem Programm. Es ist eine der bekanntesten Offroad-Strecken der Alpen und quert auf gut 50 Kilometern Länge mehrfach die Landesgrenzen von Italien und Frankreich. Kurz nach Beginn der Piste machen wir an den Ruinen des Fort Central und des benachbarten Kasernenblocks einen ersten Stopp.

Im Vergleich zu den anderen Ruinen wirken die beiden riesig. Vor allem mit der Drohne werden die Ausmaße der Festungsanlagen inmitten der spektakulären Berglandschaft deutlich. Als Fahrer muss man sich durchgehend auf die schmale Fahrspur konzentrieren. Oft bleiben zur Felswand auf der einen und dem mehrere hundert Meter tiefen Abgrund auf der anderen Seite nur wenige Zentimeter.

Um den Blick in die Landschaft schweifen zu lassen oder Fotos zu machen, sollte man definitiv anhalten. Das tun wir abermals an einer der zahllosen Serpentinen, welche durch eine massive Steinmauer an exponierter Stelle gestützt wird. Spektakulär ragt das Bauwerk am Abgrund empor, während sich die Piste an den Felsen entlang windet. Viel zu schnell ist die beeindruckende Assietta bewältigt und wir kehren via Autobahn zum Camping- platz in Salbertrand zurück.

Die Ruinen alter Festungsanlagen aus dem 19. Jahrhundert, wie die des Fort Central, prägen die gesamte Tour durch die Westalpen.

Das Ende des Westalpen-Roadtrips naht

Der Nachteil an Kurztrips ist, dass sie schnell vorbei sind. Der Vorteil davon: Man ist zwar kurz, aber meist intensiv unterwegs. An unserem letzten Tag in den Westalpen steht der Colle Sommeiller auf dem Plan. Mit 2.995 Metern ist die Passhöhe der höchste mit dem Auto erreichbare Punkt der Alpen. Zunächst führt die Strecke noch recht flach durch den Wald und an Weiden entlang, legt aber oberhalb der Baumgrenze rasch an Anspruch zu.

Vor allem die engen Kehren können zur Challenge werden, bei der kleinere Fahrzeuge einen Vorteil haben. Mit dem T5 reicht es meistens in einem Zug um die Kurve, doch gelegentliches Zurücksetzen bleibt nicht aus. Dank des Allrads ist auch immer genug Traktion verfügbar, um wieder anfahren zu können. Überholen oder Vorbeilassen von Gegenverkehr ist maximal in den Kehren möglich, bei einer ganzen Gruppe kann es da schon mal eng werden.

Nur leicht modifiziert meistert der T5 Multivan einige der bekanntesten Offroad-Strecken der Alpen mit Bravour.

Infobox

Offroad durch die Westalpen: Kommt mit uns auf 4x4-Leserreise im Oktober 2024

Erlebt mit uns den Indian Summer bei einer abwechslungsreichen Offroad-Tour auf den schönsten Tracks der Westalpen vom 01.10 -bis zum 05.10.2024.

Offroad-Schwierigkeitsgrad: 3, Streckenlänge: 800 Kilometer

1. Tag: 01.10.24 Anreise zum Camp

  • Anreise zum Treffpunkt in den Alpen in der Nähe von Turin
  • Kennenlernen der andere Reisenden und Briefing für die nächsten Tage durch den Tourguide
  • Willkommensabendessen bei Campingplatz

2. Tag: 02.10.24 Über den Wolken

  • Auffahrt auf der für seine engen Serpentinen bekannten Bergstraße zum Colle delle Finestre
  • Befahrung der aussichtsreichen Assietta Kammstraße – einer der spektakulärsten Hochgebirgspisten der Alpen
  • Möglichkeit zum Schlendern durch die Altstadt von Briancon
  • Übernachtung auf einem schönen Campingplatz an dem Wildfluss Durance

3. Tag: 03.10.24 Legendäre Routen

  • Fahrt durch den bekannten Parpallion Tunnel nach Osten
  • Weiterfahrt über Nebenstrecken und den Col de Larche hinüber nach Italien
  • Befahrung des Hochplateaus zwischen dem Maira und dem Stura Tal auf ehemaligen Militärpisten
  • Camp auf einem idyllischen Naturcampingplatz im Tal

4. Tag: Fr. 04.10.24 Pisten der Seealpen

  • Über kleine Nebenstraßen und durch historische Dörfer fahren wir nach Süden
  • Befahrung der teilweise kühn in den Fels gehauenen Ligurischen Grenzkammstraße – eine der berühmtesten ehemaligen Militärstraßen der Alpen
  • Querung nach Frankreich auf einer Bergpiste
  • Camp auf einem gemütlichen Campingplatz im Tendetal
  • Abschlußabendessen mit Spezialitäten der Region

5. Tag: Sa. 05.10.24 Arrivederci

  • Rückfahrt nach Hause oder individuelle Weiterreise

Fast etwas zu zügig ist die grob planierte Parkfläche an der Passhöhe erreicht. Neben all den heftigen Offroadern à la Mercedes G-Klasse, Jeep Wrangler und Land Rover Defender fällt der Bulli gehörig auf – Besitzerstolz treibt mir ein Grinsen ins Gesicht. Als wir uns auf die Rückfahrt Richtung Campingplatz machen, mahnt die Tankanzeige! Bei Abfahrt am Morgen berichtete sie von ausreichenden 200 Kilometer Restreichweite. Am Gipfel nach 25 Kilometern Strecke war davon nichts mehr übrig.

Nervosität macht sich im Cockpit breit. Zwar sind ausreichend Dieselfahrzeuge auf der Strecke unterwegs, die uns notfalls helfen könnten, aber auf die peinliche Situation können wir gerne verzichten. Der Schwerkraft sei Dank entspannt sich die Situation auf dem Auto-Display recht zügig – als es im Tal flacher wird, werden uns wieder beruhigende 80 Kilometer Reichweite signalisiert.

Wieder was gelernt

Nach dieser kurzen Phase außerhalb des Ruhepuls gönnen wir uns eine weitere Nacht auf dem Campingplatz und wir ziehen Bilanz unserer Westalpen-Tour. Als Offroad-Neulinge haben wir auf dem Trip nicht nur fahrtechnisch dazugelernt. Zudem konnte der T5 überzeugen. Er kraxelt wie ein Großer, bietet viel Komfort und ermöglicht uns so tolle Erlebnisse. Die Entscheidung für den 4×4-Van war richtig. Und sobald wieder Geld im Sparstrumpf ist, wird in eine Standheizung und neue Reisen investiert.

AKTUELLE AUSGABE
05/2024
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