> Konzeptvergleich 4x4 Camper

Size matters!?

14.02.2023

Wendiger 4x4-Bulli oder vergleichsweise großes Expeditions-Mobil auf Iveco Daily? Zwei augenscheinlich grundverschiedene Fahrzeuge zeigen erstaunliche Parallelen – zumindest was die Ansprüche ihrer Besitzer angeht.

Size matters – auf die Größe kommt es an. Wer diese Hypothese oberflächlich betrachtet, könnte zum Schluss kommen, dass größer tatsächlich immer besser sei. Doch ist dem so? Nicht zwingend. Denn für einige Offroad-Enthusiasten versteckt sich die wahre Größe eines 4×4- Campers in optimierter Kompaktheit. Redakteur Karsten Kaufmann und sein Bekannter Dieter Lenz trafen sich mit Familie und Freunden zu einer spannenden Debatte am Lagerfeuer. Beide suchten die Jahre zuvor nach möglichst kompakten Fahrzeugen für maximale Mobilität auf Reisen. Leitmotiv: So groß wie nötig und so klein wie möglich. Die diskutierten Aspekte könnten nicht nur Offroad-Novizen bei der Wahl eines individuell passenden Fahrzeugs helfen.

Konzeptvergleich 4x4 Camper: VW Bulli vs. Expeditionsmobil auf Iveco Daily

Die Suche nach dem perfekten Kompromiss begleitet jeden, der sich für ein Campingfahrzeug interessiert. Karsten Kaufmann und Dieter Lenz suchten beide möglichst kompakte 4×4-Camper und näherten sich zwei gänzlich verschiedenen Fahrzeugen an. Für Kaufmann stand fest: Auch der siebte Camper sollte wieder ein Bulli sein. Zumal das Fahrzeug auch im Alltag problemlos zum Einsatz kommen sollte. Gemessen an seinem Potenzial für Fernreisen, seinen überzeugenden Offroad-Eigenschaften und seinem Pkw-ähnlichen Handling favorisiert er sich als nahezu perfekter Allrounder.

Nach unerfreulich langer (Komplett-)Restaurations- und Umbauzeit ging es erst ein Jahr später mit Peugeot-Diesel und Minimalausbau auf Jungfernfahrt nach Korsika – zahlreiche ausgedehnte Reisen folgten. Der erste Bulli: Ein mit Totalschaden erworbener T3 California Vanagon auf den wenige Jahre später ein T3 Atlantik mit Hochdach folgt. Als die Kinder heranwachsen, Wechsel auf mehrere T5 Multivans, die sich mit Dachzelt und Teilausbau zum Camper wandelten. Der blaue Widder kam vor fünf Jahren als nackter Transporter aber mit leistungsfähigem Offroad-Paket von der Bundeswehr in Familienbesitz.

Die Ansprüche

Konzept: VW T5 4x4 Camper

Karsten Kaufmann: In den vergangenen Jahren standen vielen Europareisen und Wochenendausflüge auf unserer Agenda, bei denen stets auch unser Sohn und Hund dabei waren. Parallel kam der Bulli als Zweitwagen viel im Alltag zum Einsatz – trotz 4×4-Fahrwerk und AT-Reifen bietet er hier sehr guten Komfort, ist leise, flott auf der Autobahn und wandelt sich im Gelände-Einsatz zum erstaunlich potenten Partner. Bei durchaus kernigen Einsätzen in Albanien, Rumänien und Sardinien brachten wir ihn nicht wirklich an seine Grenzen.

So leer wie beim Fotoshooting präsentiert sich der „Wohnraum“ im Bulli selten.
Foto: Bernd Hanselmann

Die kurze Übersetzung des Seikel-Getriebes erlaubt Krabbeln an Steilanstiegen ohne Kupplung oder extrem langsame Abfahrten mit Motorbremse. Die Diff.-Sperre als Rettungsanker kam nur sehr selten zum Einsatz. Zumal bei der Wahl der Pisten stets der Reisecharakter im Vordergrund stand und nicht das pure Offroad-Abenteuer. Dank der Reimo-Sitzbank können drei Personen im Heck mitreisen. Das hervorragend isolierte, doppelwandige SCA 460er Hochdach erlaubt Camping bei allen Wetterlagen und macht aus dem Bulli einen vollwertigen Camper. Mit dem Widder reisen wir entspannt mit 120 km/h, die Spritkosten bei etwas unter 10 Liter Verbrauch (voll beladen mit Bikes auf dem Heckträger) sind völlig okay. Etwas nervig: Die teuren Mountainbikes sind stets der Witterung ausgesetzt.

Konzept: Iveco Daily 4x4 Fahrgestell mit Wohnkabine

Dieter Lenz: Der Iveco Daily 4×4 ist für uns ein universelles Fernreisefahrzeug. Die Fahrleistungen auf der Straße sind für einen Leicht-Lkw ganz manierlich, im Gelände schlägt sich der Iveco dank Untersetzungsgetriebe und Diff.-Sperren hervorragend. Raue Pisten oder Dünenüberquerungen – alles kein Problem. Im Schnitt verbrauchen wir rund 14 Liter (Piste/Straße). Unsere Ansprüche bei der Konzeption: Platz für Schlauchboot, zwei kompakte E-Bikes (die trocken und sicher transportiert werden sollen), Berge-Equipment und Camping-Ausrüstung sollte die Heckgarage unbedingt bieten – Backofen, kleiner Gastank, kleine 230-Volt-Kaffeemaschine und ein vollwertiges Bad mit Trockentrenntoilette standen im Pflichtenheft ganz oben.

In der Ormocar-Kabine können, dank Gurtbock, zwei Gäste mitreisen. Zwischen Bad und Dinette versteckt sich ein großer Kleiderschrank.
Foto: Bernd Hanselmann
Der Iveco ist auf der Straße mit manierlichen Fahrkomfort unterwegs – wenn auch deutlich rustikaler als ein Mercedes Sprinter. Zudem bietet er komfortable Fahrersitze und ein recht ansprechendes Cockpit.
Foto: Bernd Hanselmann

Zudem wünschte sich Bärbel ein Basisfahrzeug, dass sich komfortabler schalten und steuern lässt, als MAN und Steyr – falls sie einmal das Steuer übernehmen müsste. Dies übrigens ein Gedanke, der bei der Wahl eines Fahrzeugs unbedingt bedacht werden sollte. Meine Herausforderung bestand darin, all den Komfort, den ich beim Ausbau der größeren MAN- und Steyr-Kabine erzielt hatte, auch bei einer Kabinenlänge von 3,7 Metern realisieren zu wollen. Was tatsächlich geglückt ist.

Im Kurz-Check: Welche Technik versteckt sich in den Fahrzeugen?

Iveco Daily 4x4VW T5 Widder
Offroad-TechnikScam-Iveco 3,0 Liter, 204 PS,
Untersetzung, Diff.-Sperren VA/HA,
Fahrwerk Christ-Optimierung, Motor
Schaknat-Optimierung Fernreise/hö-
henfähig über 5.000 m/Ferndiagnose,
entkoppelte Ormcocar-Kabine
2,5 TDI 4MO, 175 PS/Tec-Power
Optimierung, Diff.-Sperre HA, Seikel
kurze Achsübersetzung, Unterfahr-
schutz komplett inkl. Schwellerschutz,
Seikel Fahrwerk Maxi 4MO, SCA 460
Hochdach
Bordbatterie(n)2 x 160 Ah LiFePO4 1 x 110 Ah LiFePO4
Solar550 Wp70 Wp fest/ 110 Wp mobil
Lade-Booster50 A25 A
Wechselrichter2.000 Watt (sinus) 350 Watt (sinus)
Frisch-/Abwasser170/70 Liter50 (erweiterbar)/5 Liter
HeizungWebasto Evo 40Webasto Thermotop/Airtop
Kühlschrank/-boxWebasto Kompressor 115 LiterDometic Kompressor CF 40
WarmwasserboilerTruma EL 10 Liter (Gas)Elgena KB 6 Liter (12 V)
DuscheInnen/ AußenAußen
ToiletteTrockentrennung (fest)Trockentrennung (mobil)
Betten70/140 x 200 cm (Ausziehbett Heck)
88 x 180 (umgebaute Dinette)
160 x 195 cm (Schlafsitzbank)
100 x 195 cm (Ausziehlattenrost im
Dach)

Leben und Reisen

Autarkie im Fokus: Hier ähneln sich die Ausstattungen beider Fahrzeuge ganz erstaunlich. In beiden Fahrzeugen übernehmen leistungsfähige LiFePO4-Bordbatterien samt Ladeeinheiten (Booster/Solar) die Stromversorgung, angemessen große Frischwasserreserven sowie Trenntoiletten erlauben völlige Unabhängigkeit – im Bulli zumindest für einige Tage. Dank einer kleinen 6-Liter-Therme bietet auch der Bulli die Möglichkeit einer warmen Dusche hinterm Fahrzeug, oder heißes Wasser für den Abwasch oder Kleiderwäsche zu erhitzen. Wird der 12-Volt-Elgena-Boiler während der Fahrt angeschaltet, bleibt die Bordbatterie voll, da sie parallel von der Lichtmaschine geladen wird. Das Wasser bleibt nach dem Stop über Stunden warm.

Die 110-Ah-LiFePO4-Batterie unterm Fahrersitz reicht völlig aus, um die Stromversorgung über Tage zu sichern – selbst wenn zwischen den Fahrersitzen eine zweite 20-Liter-Kompressorkühlbox mit auf die Reise geht. Der Bulli musste bisher auf keiner Reise an den Landstrom. Im Bedarfsfall unterstützt ein mobiles 110-Watt-Solarmodul die kleine 70-Watt-Anlage auf dem Dach. Somit erlauben beide Fahrzeuge auch in völliger Abgeschiedenheit unterwegs zu sein. Das Leben im und vor dem Camper unterscheidet sich dort aber grundlegend.

Bildergalerie

Kaufmann: Mit dem Bulli gibt es keine zu engen Gassen oder zu kleine Parkplätze. Er ist übersichtlich und leicht zu lenken. Insbesondere der alte 2,5-Liter-Motor mit Schaltgetriebe lässt sich im Gelände sicher bewegen: Das Zusammenspiel von Kupplung und Gas gelingt problemlos, sie tun stets das, was man von ihnen verlangt – entgegen modernen T6, wo die Elektronik oft störend eingreift. Wer im Bulli oder Kastenwagen reist, schätzt die große Schiebetüre. Man lebt quasi immer halb im und halb vor dem Auto – ist somit sehr naturverbunden unterwegs, kommt dadurch permanent mit anderen Reisenden ins Gespräch, da man selbst bei Regen häufig unter der Markise vor dem offenen Auto sitzt. Ein Punkt, den wir beim Wechsel auf eine Wohnkabine kolossal vermissen würden.

Weniger Grund zu Trauer wäre der Verlust der permanenten Umräumaktionen. Da viel Gepäck oder Sport-Equipment nachts vom Heck der Schlafsitzbank und aus dem Wohnraum auf die Vordersitze geschaufelt werden muss. Ist der Ausziehlattenrost im Dach einmal vorgezogen und die Sitzbank zum Schlafen hergerichtet, ist der Innenraum blockiert. Das erfordert gutes Gepäck-Management und etwas Gleichmut. Bei drei Wochen Regen in Schottland und permanent nassmuffeligen Bike-Klamotten, die sich schwer im Fahrzeug trocknen lassen, kommen selbst gelassene Gemüter an ihre Grenzen. Wintercamping ist daher nur mit zwei Personen möglich. Stauraum ist im Bulli knapp, eine clevere Bevorratung von Lebensmitteln ist eine logistische Meisterleistung. Sonst wird der Speiseplan schnell eintönig.

Lenz: Auch im Iveco reduzieren wir Gepäck und Ausrüstung auf das absolut Nötigste. Die 5,5 Tonnen-Grenze erreichen wir somit selbst vollbeladen, bei randvollen Tanks nicht ansatzweise. Wir starten mit etwa 5,1 Tonnen (gewogen). Das geringe Gewicht spart Sprit und erhält die Geländegängigkeit. Bisher konnten wir den etwa zwei Meter breiten Iveco durch jede italienische Gasse zwängen – er ist erstaunlich kompakt und durch seinen recht kurzen Radstand von 3,40 Metern extrem wendig. Das ist wenig mehr als ein langer VW T6 und knapp 20 Zentimeter kürzer als ein Sprinter!

Ein vollwertiges Bad mit Dusche und Trockentrenntoilette wollen wir nicht mehr missen – es erhöht den Reisekomfort extrem. Egal ob Räder in der Heckgarage, Ersatzrad, Speisen oder Kleidung: Alles hat im Iveco seinen festen Platz. Hin- und Herräumen entfällt völlig – die Kabine dürfte aber auch keinen Zentimeter kürzer oder schmaler sein – Ormocar hat sie exakt nach unseren Wünschen gebaut. Ein Backofen zum Brotbacken ist für uns ein Must-have, das Bett ist dank elektrischer Unterstützung in Sekunden gemacht. Ein Festbett wie in den größeren Fahrzeugen vorher vermissen wir nicht wirklich.

Resümee: Wer nicht nur in den weitläufigen Wüsten dieser Welt unterwegs ist, wir die Kompaktheit eines Campers zu schätzen wissen. Welches nun die individuell optimale Fahrzeuggröße ist, hängt maßgeblich von den individuellen Ansprüchen ab. Diese sollten jedoch kritisch reflektiert werden, sonst wächst der Camper in der Planungsphase Meter für Meter – und mit der Größe schrumpfen Mobilität und die Auswahl möglicher Reiseziele und Übernachtungsplätze. Wer sich daran nicht stört, baut opulent groß – alle anderen orientieren ihre Fahrzeugplanung weniger am Leitspruch Size matters, sondern an Reduce to the max.

Fahrzeug-Historie

Das erste Reisefahrzeug im Hause Lenz: ein gewonnener VW T1.
Foto: Dieter Lenz

Wie das Schicksal so spielt: Der erste T1 Bulli kam 1972 über eine Verlosung des SDR ins Hause Lenz. Nach erstem Selbstausbau mit Kühlschrank, Kocher und Bett folgte 1973 die erste Reise nach Sardinien. Schon hier entwickelte Familie Lenz eine Passion für unbefestigte Wege. Ein T2 und ein T3 folgen, zwischendurch ergänzen ein Hanomag Henschel F 20 und ein F 35, später ein Daimler Benz 206 D und 207 D den Fuhrpark.

Über die Jahre wuchsen die Fahrzeuge – um am Ende auf Iveco-Niveau zu schrumpfen.
Foto: Dieter Lenz

Nach zwei durchaus kompakten Landrover Discovery, einem Isuzu Trooper mit Dachzelt sowie einem Nissan- und einem Ford Ranger-Pickup, jeweils mit Bimobil-Kabine, folgt der Schritt zum Lkw: ein Steyr 12 M 18 mit Ormocar Kabine und Werz-Möbelbau, mit dem es in den Iran geht. Dann der Wechsel auf MAN 10.220 mit Ormocar Kabine, seit 2018 ist Familie Lenz mit dem Iveco Daily 4×4 auf Achse.

Karsten Kaufmann startete in Studienzeiten mit einem Land Rover 109 One ton von der Rheinarmee in erste Offroad-Abenteuer – für kleines Geld als 24-Volt-Funkerwagen mit schluckfreudigem Benzinmotor erstanden.

Tagesgeschäft: kleiner Service am Landy.
Foto: Karsten Kaufmann
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