> Praxis: Fahrzeug bergen

Steckengeblieben – und jetzt?

27.11.2023

Abseits asphaltierter Straßen heißt es mitunter: Rien ne va plus – nichts geht mehr, der Camper steckt fest. Was ihr benötigt, um die Fuhre wieder flott zu bekommen und wie das geht, erfahrt ihr hier.

Das Fahren im Gelände macht nicht nur jede Menge Spaß, man erreicht auch Ziele, die Fahrern zweiradgetriebener Fahrzeuge vorenthalten bleiben. Doch was, wenn das Gelände unerwartet schwieriger wird, der Weg schlammiger oder sandiger, die Fahrspuren zu tief? Alles Fahrkönnen hilft manchmal nicht, mit ein wenig Pech steckt die Kiste fest. Die ernüchternde Bilanz: Das Fahrzeug muss geborgen werden.

Ist man jetzt allein unterwegs und hat obendrein keine vernünftige Ausrüstung dabei, hilft meist nur der Fußmarsch in Richtung Zivilisation – begleitet von der Hoffnung, möglichst einen Bauern samt Traktor zu finden, der die Karre aus dem sprichwörtlichen Dreck zieht. Womöglich ist jetzt der Moment gekommen, an dem es sich bezahlt macht, dass ihr die bisher ungenutzte Kiste mit dem Bergematerial doch mitgeschleppt haben. Wohl dem, der jetzt zur stabilen Schaufel greifen kann oder endlich die für viel Geld erworbene Seilwinde in Betrieb nehmen kann.

Doch wie so häufig: Das beste Equipment hilft wenig, ist mitunter sogar gefährlich, wenn man nicht weiß, wie man es einzusetzen hat und wie man das Fahrzeug möglichst ohne Schäden wieder frei bekommt. Kurzum: Welches Bergeequipment sollte man dabeihaben und wie geht man so eine Bergung an? Hier kommen die wichtigsten Tipps zur Fahrzeugbergung.

Bei der Fahrzeugbergung gibt nur einer die Anweisungen für die Fahrer. Alle anderen entfernen sich aus dem Gefahrenbereich.
Foto: Bimobil

Bergen mit einem zweiten Fahrzeug

Eine goldene Regel besagt: Starte Fahrten ins Gelände stets mit mindestens zwei Fahrzeugen. Bleibt ein Auto stecken, kann das zweite für die Bergung mit einem Bergegurt eingesetzt werden. Wie auch immer: Bleibt ein Fahrzeug stecken, heißt es grundsätzlich erst einmal Ruhe zu bewahren und keinen überhasteten Aktionismus an den Tag legen.

Überlegt gründlich, wie das Fahrzeug am besten zu bergen ist. Gibt es verschiedene Möglichkeiten, um den Wagen zu befreien? Geht es besser nach vorne oder in der eigenen Spur zurück? Erst wenn die beste Lösung gefunden scheint, beginnt die eigentliche Bergung. Kommt ein Bergegurt zum Einsatz, müssen zunächst alle Hindernisse vor und unter dem Fahrzeug beseitigt werden. Liegen große Steine im Weg?

Hat sich ein Rad zu tief im Sand eingegraben oder sitzt das Fahrzeug im Schlamm auf? Dann muss der Weg zunächst etwas geebnet werden. Mit der Schaufel heißt es nun Platz vor den Rädern schaffen, im Idealfall ebnen Sandbleche zur Unterstützung die ersten Meter für die Räder.

Üblicherweise kann eine Seilwinde nur in eine Richtung ziehen. Mit dem Terranger-System für den VW Bus kann nach vorne und nach hinten geborgen werden.
Foto: Terranger

Für die Bergung mit dem zweiten Fahrzeug sollten beide Fahrzeuge möglichst in der gleichen Gewichtsklasse unterwegs sein. Denn ein großer Iveco Daily mit Wohnkabine und vollen Wasser- und Treibstofftanks kann zwar problemlos einen VW Bus aus dem Schlamm ziehen, umgekehrt ist dies jedoch eher ein Ding der Unmöglichkeit.

Schon vor dem Start der Reise sollte man genau prüfen, wo am Fahrzeug man Bergegurte fixieren kann. Die Anhängekupplung darf nur in Ausnahmefällen zur Bergung rückwärts eingesetzt werden – und zwar nur dann, wenn sich das zu bergende Fahrzeug relativ leicht bewegen lässt. Außerdem gilt: Die Zugrichtung sollte möglichst gerade sein. Bedenkt, für welche Lasten die Anhängekupplung eures Fahrzeugs ausgelegt ist. Ein festsitzendes Fahrzeug wiegt mitunter ein Vielfaches seiner normalen Gesamtmasse.

Insbesondere bei Kastenwagen ohne Leiterrahmen immanent wichtig: Zwei Bergeösen und ein Gurt bilden ein Kräftedreieck, das die Last gleichmäßig auf beide Fahrzeugseiten verteilt.
Foto: Terranger

Abschleppösen sind meist einseitig angebracht, beispielsweise beim VW Bulli. Massive Krafteinwirkung an diesem Punkt kann den kompletten Rahmen – oder in diesem Fall die Karosserie – zerstören. Besser Bergeösen montieren, die die Krafteinleitung – im besten Fall über eine Kräftedreieck – einleiten. Wenn man sicher ist, wo Bergegurt oder Bergeseil fixiert werden können, gilt das Augenmerk dem wie.

Am elegantesten und professionellsten kommen nun zwei Schäkel zum Einsatz, mit denen der Gurt an beiden Fahrzeugen angeschlagen wird. Gurt oder Seil können dabei sowohl starr sein, also keine Dehnung aufweisen, oder als sogenannte kinetische Seile oder Gurte ausgeführt sein. Bei Verwendung eines starren Gurts fährt man ihn bei der Bergung zunächst langsam auf Spannung und zieht erst dann gefühlvoll mit verstärkter Motorkraft an.

Anders bei kinetischen Seilen: Während die starren Bergegurte und -seile keine Dehnung zulassen, sind kinetische Bergeseile und -gurte bis zu einem gewissen Grad dehnbar. Bei diesen Gurten kann und soll das Bergefahrzeug durchaus mit etwas Geschwindigkeit in den Gurt fahren. Das funktioniert auch mit einem gewissen Anlauf. Denn der kräftige Ruck, wenn man mit starrem Gurt und Schwung in den Gurt fährt, entfällt. Im Gegenteil, die entstehende Kraft wird in zusätzliche Energie umgewandelt. Mit einem kinetischen Seil oder Gurt ist daher eine relativ sanfte Bergung möglich.

 

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Bergen mit der Seilwinde

Für den Alleinfahrer kann eine Seilwinde die letzte Rettung bedeuten. Sie wird in der Regel vorne montiert. Sie ermöglicht nicht nur die Bergung nach vorne, auch kurze Steilpassagen lassen sich mit ihr meistern, oder das Fahrzeug schlicht sichern. Was auch immer geplant ist: Man benötigt stets einen stabilen Ankerpunkt. Das kann ein Baum oder ein massiver Felsblock sein. Findet man keinen Ankerpunkt, kann auch ein Windenanker hilfreich sein, der jedoch sicher und stabil eingegraben werden muss.

Ist der nächste Baum zu weit weg, kann man die Distanz mit einem starren Gurt oder Seil überbrücken. Der Gurt oder das Seil wird dann in den Seilhaken gehängt oder mit einem Schäkel verbunden. Die Verlängerung wird dann zum Ankerpunkt geführt und dort angeschlagen. Wählt man einen Baum als Ankerpunkt, so gilt, dass er im unteren Bereich stets am stabilsten ist. Um den Baum legt man niemals das Stahlseil der Seilwinde, sondern immer einen speziellen, möglichst breiten Baumgurt, um die Rinde zu schützen. Selbstredend: Das gilt auch für Felsblöcke, allein um ein Kaputtscheuern zu verhindern.

Der Seilhaken oder der Verlängerungsgurt wird dann in die beiden Schlaufen des Baumgurtes eingehängt. Die hierfür verwendeten Gurte oder Seile dürfen nicht kinetisch sein – Dehnung ist hier fehl am Platz. Reicht die Kraft der Winde nicht aus, kann man diese mithilfe einer  verdoppeln. Dazu wird die Umlenkrolle am Ankerpunkt angeschlagen, das Windenseil zur Umlenkrolle und zurück zum Fahrzeug geführt, wo es mit dem Seilhaken dann sicher an einer Bergeöse befestigt wird.

Während sich dadurch die Zugkraft verdoppelt, halbiert sich jedoch die Geschwindigkeit. Außerdem wird die doppelte Seillänge benötigt. Zudem sollte man bei dieser Art der Bergung vorab von der Schaufel Gebrauch machen und gegebenenfalls Sandbleche oder Bergeboards einsetzen. Grundsätzlich gilt: Nicht nur bei der Kombination von Bergemitteln ist zu beachten, dass die sicheren Arbeitslasten zusammen und zum Fahrzeuggewicht passen. Also immer Augen auf beim Kauf.

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