Bürstner will sich neu erfinden, doch der B66 ist ein alter Bekannter – was nichts Schlechtes ist. Eher eine Gelegenheit, die Preisspirale zurückzudrehen. Lässt sich hier ein Schnäppchen machen?
Bürstner reloaded – it’s time to change.“ Während die Strategie der letzten Jahre immer mehr in Richtung maximale Modellvielfalt ging, wurde das Portfolio für die neue Saison überraschend radikal zusammengestrichen. Aus dem bisherigen Modellprogramm – immerhin sechs Campervan-Baureihen und 14 Grundrisse – bleibt gerade noch ein Kastenwagen erhalten: eine Weiterentwicklung des Campeo 600, der B66. Bloß ein cleverer Schachzug, um Lagerbestände zu minimieren?
Vielleicht. Allerdings mit einem echten Preisvorteil für Kunden: Mit der 2025er Preisliste errechnen wir 71.960 Euro für einen vergleichbar ausgestatteten Campeo, während der B66 knapp über 60.000 Euro kostet.
Zur Serienausstattung des Sechs-Meter Kastenwagen B66 gehören einige üblicherweise hochpreisige Posten wie das Achtgang-Automatikgetriebe, Rahmenfenster rundum, die Markise oder ein Naviceiver samt Rückfahrkamera. Übrigens: Wer schon länger dabei ist, der wird sich vielleicht noch an die B55-Sondermodelle von 2013 erinnern. Schon damals hatte man mit einer Absatzkrise zu kämpfen, und schon damals wurde die Modellpalette kräftig verschlankt, um den Absatz letztlich durch preiswerte Sondermodelle anzukurbeln – mit Erfolg, wie wir heute wissen.
Beim Grundriss wagt man keine Experimente. Richten soll’s der Bestseller mit Querbett im Heck, Küchenblock im Bereich der Schiebetür, die Nasszelle gegenüber. Vorn gibt’s die typische Halbdinette, die durchs Drehen der Fahrerhaussitze entsteht. Der Testwagen ist zudem mit einem in Wagenfarbe lackiertem Aufstelldach ausgestattet. Es ist das einzige aufpreispflichtige Extra, mit dem der Testwagen konfiguriert ist, und es ist richtig gut gemacht: mit elektrischen Verschlüssen, die auf Tastendruck öffnen und mit einem sanften Ruck wieder schließen. Und mit einer Dachhaube, durch die Licht und Luft ins Fahrzeug gelangt, auch wenn das Aufstelldach geschlossen ist. 5.990 Euro und 146 Kilogramm Zuladung kostet das Dach.
Das ist deutlich mehr als die Alternative – ein 16 Kilogramm schweres Gestell samt Zusatzpolster für die Sitzgruppe für 410 Euro – aber eben auch deutlich praktikabler. Zum Aufstelldach gehören noch eine Schwanenhalslampe mit USB-C- und eine 12-Volt-Steckdose. Der Zeltbalg hat ein riesiges umlaufendes Fenster, das mit einem Fliegengitter versehen ist, aber auch vollständig geöffnet werden kann. Die sechs Zentimeter starke Matratze kommt auf 208 mal 141 Zentimeter und ist eher straff, doch dank GFK-Lattenrost ausreichend punktelastisch. Der Kompromiss ist gut gewählt, denn so können dünne Schlafsäcke, weiche Kopfkissen und die zweiteilige Leiter im geschlossenen Aufstelldach transportiert werden.
Das verbessert die Stauraum-Situation deutlich, und die ist sicher nicht ganz entspannt, wenn man tatsächlich zu viert verreisen möchte. Zum Beispiel verzichtet Bürstner zugunsten der Kopffreiheit und des Raumgefühls auf den Dachstauschrank über dem Fahrerhaus.
Details wie das abgewinkelte Tischbein verbessern die Bewegungsfreiheit zusätzlich. Der Tisch misst 50 mal 83 Zentimeter und er kann um 37,5 Zentimeter erweitert werden – das reicht gut auch für vier größere Teller.
Allerdings ist auf 110 Zentimetern zwischen B-Säule und Bad der Platz endlich – und die Lehne der Doppelbank recht steil geraten. Auch sind 87 Zentimeter Polster-Breite relativ schmal – zu schmal, um die beiden Isofix-Halterungen gleichzeitig nutzen zu können (mehr dazu im Familientest weiter unten).
Dafür bleibt der Mittelgang schön breit: 46 Zentimeter sind es mindestens.
Der Küchenblock punktet mit stirnseitigem Thetford-Kühlschrank, der leise arbeitet und auch ohne doppelten Türanschlag bequem von außen erreichbar ist. Dank dezentraler Bedieneinheit (mit haptischen Tasten) liegt sein Volumen ein bisschen über dem Standard.
Wenn die Kocher-Spüle-Kombi wie mit dem Kombigerät von CAN kompakt bleibt, wächst die Arbeitsfläche – im B66 auf 48 mal 46 Zentimeter. Die Spüle misst immerhin 34 mal 24 Zentimeter. Durch eine schlanke LED-Leuchtröhre ist alles optimal ausgeleuchtet. Die Arbeitshöhe kommt auf 95 Zentimeter.
Darunter bieten drei große Schubladen ausreichend Stauraum und auch ein Besteckeinsatz fehlt nicht. Kritik gibt es für die hüfthoch angebrachten Lichtschalter und Steckdosen im Mittelgang: Zumindest an den windigen Abdeckungen der beiden 230-Volt-Steckdosen sollte man nicht allzu oft hängen bleiben.
Gegenüber geht’s durch eine Glieder-Schiebetür komfortabel in die Nasszelle, der Bürstner 99 Zentimeter Länge und 84 Zentimeter Breite zuspricht. Das Bad des B66 stammt aus dem Eliseo, der über dem Campeo angesiedelt war, und ist mit einer schwenkbaren Trennwand ausgestattet. So lässt sich der Waschtisch zum Duschen über der Toilette platzieren – auf 52 mal 68 Zentimetern (lichtes Maß der Duschtasse) ist das keine schlechte Idee.
Durch die Schwenkwand werden auch das Regal, der Spiegel und der Handtuchhalter vor Spritzwasser geschützt, sodass auf einen Duschvorhang verzichtet werden darf. Weil das Aufstelldach eine Dachhaube ausschließt, führt Bürstner die Feuchtigkeit über einen Ventilator ab. Ein Fenster erlaubt die Konstruktion nicht.
Das klappt ganz gut, doch der Ventilator kann ausschließlich gemeinsam mit dem Licht geschaltet werden – nachts ist er deutlich zu hören. Die Kassettentoilette steht außerdem tief im Fahrzeug, was das Abdichten des Schachts sichtlich erschwert.
Wenn keiner mal raus muss, schläft man im Bürstner B66-Querbett auch zu zweit ausgesprochen gut. 195 mal 150 Zentimeter sind schon ganz ordentlich für einen Sechs-Meter-Van. Dazu mit einer elf Zentimeter starken Kaltschaummatratze, die zumindest in der Körpermitte auf einem Holzlattenrost liegt. Dass Kopf- und Fußteil ohne Unterbau auskommen müssen, ist nicht zu spüren – trotzdem könnte man hier ein Abstandsgewirke zur Hinterlüftung nachrüsten. Fenster für Frischluft gibt es an beiden Hecktüren sowie eines auf der Fahrerseite.
Wie alle Oberschränke im Fahrzeug sind auch die über den Betten mit einer 12-Volt-Schiene versehen, an denen LED-Spots angebracht wurden. Vier Stück – die hochwertigen aus Metall – gehören zur Serienausstattung. Im Zubehör gäbe es für die Stromschienen auch USB-Steckdosen, und das wäre die bessere Lösung als die vom Hersteller im Liegebereich platzierte Steckdose. Eine offene Ablage für Smartphone, Brille und Buch würde uns ebenfalls fehlen. Aber ein textiler Organizer ist für vergleichsweise kleines Geld schnell nachgerüstet.
Im Bürstner B66 feierte Kollege Wojciech aus der IT seine Camping-Premiere. Anlass war das Eiskunstlauf-Turnier der sechsjährigen Tochter, die, genau wie ihr kleiner Bruder, sichtlich Spaß an dem kleinen Abenteuer fand. Zum Glück ist der Bürstner ziemlich selbsterklärend – Kompliment an Hersteller und Zulieferer. Zuladung (siehe Ladetabelle) und Stauraum sind zur Genüge vorhanden, und auch Familien-Features wie eine Absturzsicherung am Bett im Aufstelldach fehlen nicht.
Also alles ein Kinderspiel? Nicht ganz. Zum Beispiel ist die Sitzbank deutlich zu schmal, um zwei Kindersitze – noch dazu an den Isofix-Halterungen – zu befestigen.
Außerdem greifen die Haltestifte des Sitzpolsters nicht mehr, wenn der Kindersitz per Isofix befestigt wird. Und überhaupt, wohin mit den Sitzen, wenn man auf dem Stellplatz angekommen ist?
Beim direkten Umstieg aus einem Mittelklasse-Kombi fielen auch die fehlende Sitzheizung, Klimaautomatik, elektrisch anklappbare Außenspiegel oder Navigation auf, wobei letztere kabellos per Smartphone-Integration funktioniert.
Ein Blick in unsere technischen Daten verrät, dass der Bürstner B66 über eine umfangreiche und vor allem praxistauglich gewählte Ausstattung verfügt. Die Verarbeitung stimmt, und damit auch das Preis-Leistungs-Verhältnis. Bei der Individualisierbarkeit bringt das Sondermodell Abstriche mit sich. Gewählt werden kann ausschließlich die Farbe der ledernen Polsterbezüge (Creme/ Braun/Grau) und wie beschrieben zwischen zweierlei Zusatz-Betten. Wer damit leben kann, spart einige Euro – mit denen sich sicherlich noch das eine oder andere Zubehör über den Handelspartner nachrüsten lässt.
Basisfahrzeug: Fiat Ducato, Vierzylinder-Turbodiesel mit AdBlue und SCR-Katalysator. Hubraum: 2.184 cm³, Leistung: 103 kW (140 PS), Achtgang-Wandlerautomatik, Frontantrieb, Euro 6e Maße und Massen: (L x B x H) 599 x 205 x 281 cm, Radstand: 404 cm. Stehhöhe: 188 cm, im Bad 187 cm. Masse fahrbereit: 3.030 kg (lt. Hersteller), zul. Gesamtmasse: 3.500 kg Aufbau: Stahlblechkarosserie L3H2 mit Aufstelldach von Parat (optional), isolierte Alu-Rahmenfenster. Isolierung Dach 15 mm, Wände 20 mm Polyethylen-Schaumstoff, Boden 13 mm XPS Betten: Aufstelldach 208 x 141 cm, Querbett 195 x 150 cm Füllmengen: Frisch-/Abwasser 91/90 l innen-/außenliegend, Gas 2x 11 kg, Kühlschrank 84 l, Diesel 60 l, AdBlue 19 l Serienausstattung: (Auszug) Automatikgetriebe, 16-Zoll-Leichtmetallfelgen mit Ganzjahresbereifung, Uni-Lackierung in Lanzarote-Grau, Lederlenkrad, Nebelscheinwerfer, Tempomat, Fahrerhausverdunkelung, Naviceiver mit Rückfahrkamera, Klimaanlage, Rahmenfenster, Markise, elektr. Trittstufe, 2x Isofix, Polsterbezüge in Echtleder, 12-Volt-Lichtschienen, Schwenkmodul im Bad, Gasstandheizung Truma Combi 4 mit digitalem Bedienteil, 95-Ah-Aufbaubatterie (AGM-Technik), LED-Beleuchtung samt verschiebbarer Lesespots und Außenleuchte Sonderausstattung: Aufstelldach in Wagenfarbe 6.666 € Testverbrauch: 8,9 l/100 km Grundpreis: ab 60.660 € Testwagen: 67.326 €
*mit vollem Kraftstofftank; **CV-Messmethode, angelehnt an die StVZO; ***CV-Messmethode, angelehnt an die EN 1646-2: Anteilige Achslasten errechnen sich nach dem Momentenschlüssel (Achsbelastung = Einzelgewicht x Hebelarm : Radstand)