> Reise im MB 100

Mit dem Mercedes-Benz MB 100 D zum Surfen ins Baskenland

17.04.2024
Bild & Text: Tom Scherer

Zum Surfen ins Baskenland gefahren – und alte Kastenwagen-Konzepte erfahren. Eine Zeitreise im Campervan von HRZ auf Mercedes-Benz MB 100 D.

Charme hat er, wie er da steht. Auch wenn die wenig stromlinienförmigen Kanten des Basisfahrzeugs wenig bis gar nichts mit buntem, rundlichem Flower-Power-Retro-Charme zu tun haben. Wie wohl jedem, der in Kastenwagen mehr sieht, als die Möglichkeit recht komfortabel viel Transportgut von A nach B zu bringen, entlockt mir der MB 100 D-Camper meines Vaters jedes Mal ein Lächeln, wenn ich ihn sehe.

Fans des Basisfahrzeugs bezeichnen ihn liebevoll als „Kutter“, wohl weil eine Reise in dem Kleinbus aus Spanien schon mit der kleinsten Steigung zur recht zähen Veranstaltung wird. Mich stört das nicht – Urlaub soll schließlich auch entschleunigen. Der Vorgänger des heutigen Vito von Mercedes-Benz bot damals wie heute jede Menge Platz für Handel und Handwerk, Personentransport, andere Dienstleistungsbereiche und eben Campingausbauten. Und weil ein Surf-Trip ins spanische Baskenland nur wenig touristischen Mehrwert für die Leser von CamperVans bringt, wurde aus der Geschichte auch keine klassische Reisestory, eher eine Hommage an eine Kastenwagen-Ära, eine Retrospektive.

Also alles zurück auf Anfang, und zwar nach Vitoria, spanisches Baskenland und damit nur unweit von meinem Urlaubsziel. Hier beginnt die Geschichte meines Reisegefährten mit dem DKW Schnellaster. Der seltene Kleinbus wurde nicht nur in Ingolstadt gebaut, sondern ab 1952 auch bei der Audi Union-Tochter IMOSA in Vitoria. Anfang der 1960er Jahre entstand ein Nachfolger in damals moderner Frontlenkerbauweise, der als DKW F 1000 L auch in Deutschland angeboten wurde. Als die Audi-Union wenig später allerdings von VW übernommen wurde, folgte ein Exportstopp – schließlich hatte man den überaus erfolgreichen T1 bei den Händlern stehen.

Der F 1000 L wurde dagegen fester Bestandteil des iberischen Markts und später, als sich VW aus der Zusammenarbeit in Spanien zurück zog, wurden N 1000 und N 1300 mit Stern auf dem Kühlergrill verkauft. Vorwiegend wurde für den südeuropäischen und nordafrikanischen Raum produziert, der N 1000/N 1300 also nicht nach Deutschland exportiert.

Das änderte sich erst 1986, als dieser an seine technischen Grenzen stieß – mit der Geburtsstunde des MB 100 D. Wobei zur Vollständigkeit geschrieben sei, dass es den Transporter in fünf Typen, vom MB 100 bis zum MB 180 gibt. Die Zahl verwies hierbei, wie auch schon beim N 1000 und N 1300, auf die jeweilige Nutzlast von 1,0 bis 1,8 Tonnen.

Netto gerechnet rund 22 Stunden nach Abfahrt in Stuttgart: das Meer erscheint am Horizont – im modernen KFZ geht‘s natürlich deutlich schneller. Die letzten Meter zum Stellplatz führen über eine etwas abenteuerliche Schotterpiste – 235er Schlappen helfen.
Foto: Tom Scherer
 
Unterwegs ein, zwei mal Öl aufkippen gehört dazu.
Foto: Tom Scherer

Inzwischen sind nicht nur Kühlschrank und Wassertank, sondern auch das Motoröl aufgefüllt und mein Gepäck in den Schränken verstaut. Das Motoröl sollte übrigens häufiger kontrolliert werden – unser MB 100 verbrennt davon ganz schön viel und das trotz seiner geringen Laufleistung von nur rund 145.000 Kilometern. An die Kupplung, noch die erste, muss man sich ebenfalls gewöhnen, die Sitzposition ist dagegen klasse, sobald man in den Camper steigt.

Der wie sein Vorgänger als Frontlenker konzipierte Kleinbus vermittelt genau das, was VW-Fans als Bulli-Feeling bezeichnen. Noch vor der Vorderachse sitzen, also quasi vor dem restlichen Fahrzeug um die Kurve fahren und dazu und die große Windschutzscheibe, dünne A-Säulen und das flache, riesige Lenkrad. In puncto Übersichtlichkeit ging es nach dem MB 100 sicherlich nicht weiter bergauf.

 

Das mit der Entschleunigung ist allerdings so eine Sache. Urlaubsreif beladen gleicht der Bus einer übergroßen Wasserwaage, das aktuelle Straßengefälle kann auf dem Tacho abgelesen werden. Okay, die Nadel im Cockpit ist noch deutlich träger als die Luftblase im Schauglas, wenn sich die Straße wieder ebnet.

Und: nur weil man in einem langsamen Fahrzeug sitzt, muss das psychisch noch lange nicht entschleunigend sein. Gangwechsel und die Lautstärke des Motors, der sich direkt zwischen Fahrer- und Beifahrersitz befindet, nerven, die Überholmanöver einiger LKW-Fahrer sowieso und dass nachts, mitten in Frankreich, Abblendlicht und Warmluftgebläse ihren Dienst quittieren auch. Einen Oldtimer-Bus mieten, der Entschleunigung wegen, wie es auf einschlägigen Portalen oft heißt – naja.

Bildergalerie

Zwischen Fern- und Standlicht wechselnd, erreiche ich nach gut 22 Stunden „on the road“ die nordspanische Atlantikküste. Wer sich Zeit nimmt, kann die gut 1.600 Kilometer lange Strecke durchaus abwechslungsreich gestalten und Zwischenstopps an touristischen Destinationen einlegen. Mir geht es aber vorrangig darum, so schnell wie mit meinem Kutter eben möglich ans kühle Nass zu kommen.

Meine Lobeshymne auf den MB 100 D schreibe ich auch nicht etwa wegen seiner entschleunigenden oder fahrerischen Eigenschaften. Vielmehr geht es um das Raumkonzept und die Grundrisse, die das Basisfahrzeug ermöglicht und die heute so nicht mehr zu haben sind. Unser MB 100 verließ 1993 das Werk in Spanien und wurde dann von HRZ zum Campervan ausgebaut. Dort gab man ihm auch den fantastischen Namen Holiday Boy.

Die schwäbische Manufaktur baut bis heute sehr hochwertige Campervans auf Mercedes-Benz Sprinter, viele von ihnen sind waschechte Fernreisemobile, dessen Ausbau auch wirklich auf die Strapazen einer Fernreise ausgelegt sein soll. Das glaube ich gerne, denn an unserem Ausbau gibt es auch nach knapp 30 Jahren noch keine lose Schraube zu beklagen.

Unser Holiday Boy baut auf dem langen Radstand, wobei der lange MB 100 mit 5,07 Metern noch immer sehr kompakt ist. Mit seinem mächtigen Hochdach vom Zulieferer SCA wirkt er allerdings deutlich größer, ist viel mehr Kastenwagen als Campingbus, wirkt viel mehr wie ein Vorgänger des Sprinters als der des Vitos.

Und auch der Grundriss braucht vermeintlich deutlich mehr Platz: drei Sitzreihen mit ordentlich Beinfreiheit, dann eine Küchen- und Schrankzeile auf beiden Fahrzeugseiten und im Heck ein großes Bad. What? Während man in so manchem modernen Kastenwagen Probleme hat, sich am Tischbein vorbei in die Halbdinette zu setzen oder sich halbwegs natürlich in der Nasszelle zu bewegen?

Infobox

Infos Mercedes-Benz MB 100

  • Hersteller: Mercedes-Benz
  • Produktionszeitraum: 1988 – 1995
  • Produktionsstandort: Vitoria/Spanien
  • Vorgänger: Mercedes-Benz N 1300
  • Nachfolger: W638 Mercedes-Benz Vito
  • Motor: OM 616, 2,4-Liter-Saugdiesel
  • Leistung: 75 PS
  • Bauformen: Kastenwagen, Kleinbus, Pritschenwagen
  • Länge/ Breite/ Höhe: 5,06 m/ 1,85 m/ 2,05 m
  • Radstand/ Zul. Ges.-Gewicht: 2.675 mm/ 2,81 t
  • Besonderheit: ABS

 

Auch im Urlaubs-Alltag funktioniert der Grundriss super. Das 140 mal 210 Zentimeter große Bett im Hochdach ist schnell weggeschoben, so bleibt unten immer viel Wohnraum. Mit den Sitzbänken, die sich ebenfalls zum Doppelbett umbauen lassen, stehen insgesamt sechs gurtgesicherte Sitzplätze zur Verfügung. Dank den cleveren Beschlägen lässt sich die vordere Sitzbank aber nicht nur umklappen sondern auch umgekehrt aufstellen, sodass eine echte Sitzgruppe mit großem Tisch entsteht.

Wie in Kastenwagen mit Hochdach üblich gibt es auch im HRZ viel Stauraum in den deckenhohen Schänken. Und wo bei den meisten modernen Campingbussen normalerweise Schluss ist, folgt im Holiday Boy das variabel einsetzbare Querbad im Heck. Fest verbaut ist lediglich ein Waschbecken mit Spiegelschrank und ausziehbarer Duschbrause, das mir für die nötige Körperhygiene am Strand von San Vicente de la Barquera vollkommen ausreicht.

Also bleibt die gesamte, auf Auszugsschienen gelagerte, Duschwanne samt Chemietoilette im heimischen Keller. So wird aus dem Bad kurzerhand eine 110 mal 160 Zentimeter große, deckenhohe Heckgarage, die genügend Platz für meine Surfbretter bietet. Bis auf die fehlende Autarkie im 1990er Jahre-Van, also mit wegen mangelnder Batteriekapazität ausgeschaltetem Kompressor-Kühlschrank, lebt es sich wunderbar, übrigens über der Steilküste des Playa de Merón, wo ein Bauer einen Teil seiner Kuhweiden als Stellplatz für Campervans vermietet.

Ein Spot, der für Minimalisten unbedingt zu empfehlen, allerdings nur über einen teilweise steilen Weg und über rutschige Wiesen erreichbar ist. Kein Problem für den 75 PS-starken MB 100 D auf seinen fetten Schlappen. Warum also, gibt es keine Busse mehr wie ihn, frage ich mich auf meiner Reise immer wieder, wohlwissend, dass neuere Generationen natürlich deutlich höhere Sicherheitsanforderungen bestehen, über Knautschzonen, Airbags und vieles mehr verfügen.

Infobox

Timeline

  • 1952: DKW-Schnelllaster unter der Leitung von IMOSA (Tochtergesellschaft der Auto Union)
  • ab 1963: DKW F 1000 L
  • 1965: Übernahme durch Volkswagen: Fahrzeug-Export nach Deutschland eingestellt
  • 1972: Gründung MEVOSA (Mercedes-Benz y Volkswagen S.A.)
  • 1974: VW beendet Zusammenarbeit mit MEVOSA: Geburtsstunde Mercedes-Benz España
  • 1975 – 1987: MB N 1000 / N 1300
  • 1988 – 1995: MB 100
  • 1987: MB 100 D
  • 1989: MB 100 AMG / MB 100 Brabus mit bis zu 127 PS
  • 1990: MB 100 Turbo mit 95 PS und permanentem Iglhaut-Allrad
  • 1991: Erstes Brennstoffzellenfahrzeug der Welt genannt NECAR 1
  • 1996: Mercedes-Benz Vito als Nachfolger in neuer Bauweise

Schade ist es um den MB 100 trotzdem, allgemein um das Frontlenker-Konzept im Kastenwagenbereich, denn schon der nächste Nachfolger, der 1996 eingeführte Vito, bietet als Kurzhauber deutlich weniger Laderaum und ein vollkommen anderes Fahrgefühl. Das mag für viele PKW-ähnlicher sein, für mich ist es eher langweilig. Umso unverständlicher, dass der MB 100 immer irgendwie als ungeliebtes Stiefkind aus Spanien galt.

Das zeigt sich heute auf dem Gebrauchtmarkt, der nur noch eine Hand voll Exemplare umfasst. Einen in gutem Zustand zu finden ist zudem schwer, denn der MB 100 ist anfällig für Rost, da komplett unverzinkt. Für alle, die seinem Charme trotzdem etwas abgewinnen können, vor ein paar Reparaturen nicht zurückschrecken und bereit sind, langsamer und dennoch nicht entschleunigt zu reisen, ist er eine echte, preiswerte und zuverlässige Option.

Diese Reportage erschien erstmals in CamperVans-Ausgabe 4/2020.

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