Zwillingsbereifung, Rockslider, Rallye-Lichtleiste – auch ohne könnte der 7,54 Meter lange Dovra kaum unbemerkt bleibt. Ebenso wenig wie sein Preis. Mal schauen, was in der schwedischen Kastenwagen-Königsklasse so alles geht.
Egal aus welchem Winkel betrachtet, das hier ist kein gewöhnlicher Sprinter. Typisch schwedisch vielleicht – wenn man ein Faible für Autos hat und beim Stichwort Schweden nicht nur an Möbelhäuser und Fleischbällchen denken muss, sondern unweigerlich auch an robuste und vor allem praktische, kastenförmige Kombis. Natürlich: Von vorn betrachtet verjüngt sich auch diese Sprinter-Karosse, da können die Schweden nichts machen. Durch die umlaufende Dachreling aus schwarz-gepulvertem Aluminiumrohr wirkt das aber schon ganz anders. Ähnliches gilt auch fürs Heck, an dem ein Trägersystem mit Ersatzrad und markanter Staubox angebracht ist. Und dann noch die schiere Länge, die im Profil deutlich wird: Stolze 7,37 Meter misst der extra-extralange Sprinter – mit seiner Staubox bringt es der Dovra RIG X-750 sogar auf 7,54 Meter.
Trotz der protzigen Abmessungen darf man den Schweden bescheinigen, dass sie zumindest versucht haben, sich dem Design-Leitsatz „form follows function“ anzunehmen. An der Dachreling sind eine Umfeldbeleuchtung angebracht und massig Fernscheinwerfer. Insgesamt zählen wir 15 LED-Leuchten vom Hersteller Vision X, die tatsächlich aus einer separaten 190-Ah-Batterie gespeist werden. Auf dem Dach sind außerdem zwei große, begehbare Solarmodule angebracht. Eine robuste Leiter ermöglicht den Zugang – also warum nicht mal eine Kaffeepause mit Aussicht genießen?
Die Leiter ist unten an sogenannten Rockslidern befestigt. Massive Rohre aus einer Stahllegierung, die die ewig langen Schweller im Offroad-Betrieb schützen sollen – bei 4,33 Meter Radstand keine schlechte Idee. Zumal die Rockslider auch als feste Trittstufe dienen. Barfuß sind die gezahnten Bleche aber sicherlich wenig komfortabel, sodass eine abnehmbare Schutzauflage für den Sommer ganz praktisch klingt.
Hinter der Marke Dovra stehen Johan Särefors und Johan Ingvarsson. Wie so oft im Segment der Campervans wurde auch hier gesucht, aber nicht gefunden, und 2023 kurzerhand beschlossen, sich das eigene Traumfahrzeug einfach selbst zu bauen. Die beiden Gründer waren zuvor in der Möbelindustrie und im Ladenbau tätig, und dort scheint man zu lernen, wie Design und Qualität in Serienfertigung realisiert werden können. Der RIG-750 erinnert an ein Boutique-Hotel mit rustikalem, aber modernem Charakter: eine Kombination aus Holz und Metall, Stoff und Leder, klaren Linien und gemütlicher Atmosphäre.
Herausragendes Merkmal des 750ers ist seine Küche: etwas über zwei Meter lang und komplett mit Edelstahl belegt. Abschlussleisten und die Spüle sind ebenfalls aus Edelstahl und sauber mit der Arbeitsplatte verschweißt, nicht verklebt – da darf auch mal etwas danebengehen. Auch die Armaturen sind aus Metall, jedoch in Mattschwarz abgesetzt. Gekocht wird auf einem umgelabelten Zweiflamm-Gaskocher von Thetford, der bei so viel Arbeitsfläche gerne ein wenig größer hätte gewählt werden können. Und wer sich gut mit Küchenarbeitsplatten auskennt, der weiß: Edelstahl ist leicht zu reinigen, aber auch sehr pflegeintensiv.
Unter der Arbeitsplatte befinden sich Schubladen, die aus massivem Eichenholz gefertigt und mit robusten Auszügen versehen sind. Trotz des Materials, so der Hersteller, sollen die Schubladen nicht wesentlich schwerer sein als die Standardlösung aus Sperrholz. In der Summe – es sind immerhin zwölf Schubladen – wird aber wohl doch ein bisschen Gewicht zusammenkommen.
Zumal über dem Küchenblock noch Hängeschränke verbaut sind, die mit Magnetleisten versehen sind. An denen sind Gläser, Porzellanteller (Silwy-System) und andere Gegenstände wie Gewürzdosen sicher fixiert – praktisch, edel, aber auch schwer.
157 Liter fasst der Kompressor-Kühlschrank von Dometic. Dank doppeltem Türanschlag und erhöhter Einbaulage im Schrank hinter der Sitzgruppe gegenüber dem Küchenblock ist er perfekt erreichbar.
Gegenüber dem Küchenblock gibt es nicht wie sonst üblich eine, sondern gleich mehrere Türen. Kleiderschränke sind hier genauso untergebracht wie der bereits erwähnte riesige Kompressor-Kühlschrank (157 Liter) und natürlich das Bad. So erklärt sich dann auch, dass die Nasszelle überraschend klein ausfällt – wenigstens in Relation zur Gesamtlänge des X-750. Auch dass kein Fenster und noch nicht einmal ein Dachlüfter verbaut sind, mag verwundern – Dovra führt die Feuchtigkeit, die beim Duschen entsteht, stattdessen über einen Ventilator ab.
Eine Minimalmenge Stauraum gibt es durch einen Organizer an der Innenseite der Tür. Die Täschchen sind wasserfest, aber natürlich sollten sie je nach Inhalt zum Duschen entfernt werden – ganz praktisch, dass sie sich an beiden Türseiten befestigen lassen.
Eine weitere Besonderheit ist die Clesana-Toilette, die Fäkalien in speziellen Tüten verschweißt und somit viel Autarkie bietet – die Extraportion Müll sollte man eben an anderer Stelle wieder einsparen.
Ansonsten sind der kantige Waschtisch aus einem Mineralwerkstoff, die schwarzen Armaturen und der hinterleuchtete Spiegel vor allem sehr geschmackvoll gewählt.
Die Beinfreiheit auf der Toilette ist gerade ausreichend, gleiches gilt für die Größe des Waschbeckens. Allerdings: Würde der Waschtisch gespiegelt, wäre das Waschbecken besser erreichbar.
Der Schlafbereich ist wiederum sehr geräumig und verfügt über eine großzügige Liegefläche – vor allem in der Längsachse. Unter den Matratzen sorgen Tellerfedern für eine gleichmäßige Gewichtsverteilung sowie optimale Hinterlüftung. Auch die Oberschränke sind gut belüftet und verfügen zudem über eine stilvolle Ambientebeleuchtung. Ladestationen für Smartphones sind nicht nur hier, sondern überall im Fahrzeug verteilt vorhanden.
Besonders gelungen finden wir das Verdunkelungssystem: Statt der üblichen Plissee-Kassetten gibt es Rollos aus dickem Filz samt Fliegengitter, die mittels Schnellverschluss-Knöpfen schnell angebracht sind. Die Hecktüren haben keine Fenster, dafür zusätzlichen Stauraum für Kleinkram.
Übrigens: Ein textiles Verdunkelungssystem (vom Zulieferer Project Camper) gibt es auch für die Fahrerkabine. Der Stoff ist passgenau auf die Fenster zugeschnitten und kann alternativ aufgerollt und als Tageskissen verwendet werden. Das schlagen zumindest die Dovra-Designer vor. Ein echter Vorteil sind die besseren Isolierwerte und dass unterwegs beim Blick in den Außenspiegel keine Kassetten stören. Nachteil: es braucht etwas Zeit zum Anbringen, vor allem an der Windschutzscheibe.
Das gut ausgeformte Rückenpolster der Sitzbank ist zweigeteilt, sodass der obere Teil beim Campen auch „ums Eck“, unter dem Fenster platziert werden kann. Die freischwebende Tischplatte nach vorn geschoben, schon entsteht eine Eckbank, an der zwei Personen gemütlich einen Drink aus besagten Magnetgläsern nehmen können. Gleichzeitig bleibt ausreichend Bewegungsfreiheit: Großzügige 110 Zentimeter misst die Sitzecke zwischen B-Säule und Bad. Weil die Küchenzeile im vorderen Bereich etwas schmaler baut, bleibt der Mittelgang mindestens 50 Zentimeter breit – ein Top-Wert im schmalen Sprinter.
Noch so eine komfortbringende Eigenentwicklung ist das Bedienfeld im Eingangsbereich, über das sämtliche Füllstände überwacht sowie Heizung, Licht, Kühlschrank und andere Komponenten gesteuert werden können. Dovra hat hier eng mit Mercedes-Benz zusammengearbeitet und konnte die Features des Ausbaus letztlich auch ins MBUX-System der Stuttgarter integrieren. Alle Einstellungen lassen sich somit auch vom Fahrersitz aus über das 10,25 Zoll große Hauptdisplay im Cockpit vornehmen – das können einige Mitbewerber auch in dieser Preisklasse noch nicht.
Unter den Betten kommen auf einem Auszug zwei Gasflaschen und die Bordelektronik von Victron unter. 3.000-Watt-Wechselrichter, 400-Amperestunden-Lithiumbatterie, 50-Ampere-Regler – um ein paar Eckdaten zu nennen – sind Standard. Dazu kommt die Zentral- und Fußbodenheizung von Alde, die die Luft über Konvektoren erwärmt – wie von zu Hause gewohnt und sehr viel angenehmer als das übliche Warmluft-Gebläse. Dovra- Kunden können zwischenzeitlich wählen, ob sie die gasbetriebene Alde 3030 Plus bevorzugen oder die Alde 4000 D Plus, die Diesel verbrennt.
Unabhängig von der gewählten Energiequelle (jeweils plus Strom) liegt die kombinierte Heizleistung bei rund neun Kilowatt – das dürfte selbst für die allerkältesten Schwedenwinter genügen. Zumal: Dovra isoliert seine Kastenwagen lückenlos mit Matten aus recycelten PET-Flaschen – Schichtstärke 40 bis 80 Millimeter! Kalte Füße muss wirklich niemand fürchten.
Die Push-Locks sind Expeditionsmobil-Standard. Auch Airlineschienen fehlen nicht, und selbstverständlich liegt die Matratze auf Froli-Federtellern.
Dovra gibt an, dass die Kanten der mit HPL beschichteten Möbelplatten per Laser verschweißt werden – Feuchtigkeit sei daher absolut kein Thema.
Wie der Ausbau samt Bordelektronik ist auch das Basisfahrzeug so ziemlich voll ausgestattet. Der Sprinter wurde teilweise sogar noch aufgerüstet, etwa beim Soundsystem (von Alpine). Allrad und Automatik, der große Motor und sämtliche Assistenzsysteme – alles Serie. Optionen bietet Dovra erst gar nicht an. Einzig schicke Alus fehlen: Der extralange Sprinter 4×4 steht hinten zwangsweise auf Zwillingsbereifung. Traktion ist also kein Problem, und Zuladung bei 5,2 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht schon gar nicht. Es sind mehr der Wendekreis, die Bauchfreiheit und der Rampenwinkel, wenn „Offroad“ nicht gerade einen zugefrorenen See in Schweden bedeutet. Und der Preis, so viel sollte an dieser Stelle klar sein, fällt natürlich auch entsprechend aus.
Basisfahrzeug: Mercedes-Benz Sprinter 4×4 419 L4H2. Vierzylinder-Turbodiesel mit AdBlue und SCR-Katalysator. Hubraum 1.950 cm³, Leistung 141 kW (190 PS) bei 3.800/min, max. Drehmoment 400 Nm bei 1.400/min. 9G-Tronic-Automatik-Getriebe, über Lamellenkupplung elektronisch geregelter Allradantrieb. Euro 6e Maße und Massen: (L x B x H) 754 x 206 x 300 cm, Radstand 433 cm, Stehhöhe: 188 cm; Masse fahrbereit: 4.150 kg (lt. Hersteller); zul. Gesamtmasse: 5.200 kg Aufbau und Ausbau: Stahlblechkarosserie mit Zwillingsbereifung hinten. Unterfahrschutz, Heckträger, Leiter und Dachreling aus Aluminium. PET-Dämmung an Boden 40 mm, Decke 50 mm, Wände 80 mm plus PE-Vlies-Kaschierung an den Wänden und Decke. Lüfter im Bad, Ventilations-Dachhaube 28 x 28 cm. Füllmengen: Frisch-/Abwasser 105 l innenliegend/95 l unterflur, isoliert und beheizt; Gas 2x 11 kg, Kompressor-Kühlschrank 157 l, Diesel 75 l, AdBlue 22 l Betten: Längs-Doppelbett 200 x 170 cm Serienausstattung: (Auszug) 190-PS-Motor, Automatikgetriebe, Assistenzpaket, Klimaautomatik, Multimediasystem mit 10,25-Zoll-Touchscreen, Parkpaket, elektr. Schiebetür, 3M-Komplettfolierung, Unterfahrschutz, Dach- und Heckträger, AT-Bereifung, elektr. Thule-Markise, Ventilationsdachhaube, Victron-Bordelektronik mit Lithium-Bordbatterie 400 Ah, Zusatz-Bordbatterie 190 Ah, Alde-Gasheizung, Clesana-Toilette, Außendusche, Gas-Außensteckdose, DuoControl CS, Alpine-Soundsystem, WLAN-Antenne, Sitzbezüge in Leder Preis: 262.400 €