Seit 40 Jahren tüftelt Westfalia im Auftrag von Ford am Campingbus mit Heckküche. Immer schon war der Nugget anders – auch besser? Wir testen den Ford Nugget L2 auf Ford Tourneo Custom-Basis.
Einen Campervan kaufen, mit dem man auch mal einen Umzug bewältigen kann? Ford verzichtet auf diesen Marketing-Gag und baut seinen Werkscamper konsequent in anderer Aufteilung als üblich: mit einer Sitzgruppe im vorderen Wohnbereich und einer noch großzügigen Küche sowie Schränken dahinter – obwohl sich Campingbusse mit typischem Grundriss traditionell besser verkaufen. Vielleicht weil der Nugget ein bisschen mehr Erklärung bedarf? Zumal es ihn heute in zahlreichen Variationen gibt. Also los.
Da wäre zunächst einmal die Basis. Der Nugget baut schon länger nicht mehr auf dem Ford Transit, der irgendwann zu groß geworden ist, und auch nicht mehr auf dem Transit Custom. Basis ist stattdessen der besser ausgestattete Tourneo Custom, für den inzwischen so ziemlich alles zur Wahl steht, was das Camper-Herz begehrt: Allrad und eine ordentliche Wandlerautomatik zum Beispiel.
Einzelradaufhängung und Assistenzsysteme sind ebenfalls State of the Art, und im Fahrerhaus gibt’s eine Bildschirmlandschaft samt einigermaßen flottem Infotainmentsystem. Klar ist’s eine Spielerei, dass beim Einsteigen eine Nugget-spezifische Animation über das digitale Kombi-Instrument flimmert – aber eine, die Abenteuer schreit und im Alltag Lust auf Urlaub macht.
Noch dazu sieht der Ford beinahe unverschämt gut aus, seit seine Scheinwerfer schmaler geworden sind und ohne Chromspangen. Insbesondere in der sportlichen Active-Variante mit grobmaschigem Wabenkühlergrill, Aero-Elementen sowie Verbreiterungen. Ford bietet den Nugget außerdem mit einer zeitgemäßen Plug-in-Hybrid-Motorisierung an, in einer luftigeren Version mit zweiter Schiebetür, mit wintertauglichem Hochdach oder mit langem Radstand – so wie hier.
Mit 5,45 Meter Länge konkurriert der Nugget L2 nicht nur mit seinem kleinen Bruder (5,05 m) und den übrigen Campingbussen, sondern zusätzlich mit den kompakten Kastenwagen. Der Fiat Ducato beispielsweise ist in der Version L2 sogar etwas kürzer als der Testwagen – und dessen Ausbauten bieten in aller Regel permanente Stehhöhe und die Annehmlichkeiten eines Badezimmers.
Bis auf die etwas aufwendigere Parkplatzsuche – auch mit Tiefgaragen wird’s schwer – würden wir dem Nugget L2 aber volle Alltagstauglichkeit attestieren. Zwar ist ein Ducato ähnlich wendig, jedoch längst nicht so handlich und agil. Einen weiteren Pluspunkt für den Alltagsbetrieb gibt’s durch den fünften Sitzplatz – man muss nur aufpassen, dass man das zulässige Gesamtgewicht im Blick behält.
Die Tischplatte wird aus der Seitenverkleidung geklappt und bei Bedarf nochmal aufgefaltet, wodurch sich ihre Fläche auf 38 mal 113 Zentimeter verdoppelt. Dennoch: Fünf Teller dürften eng werden und so richtig stabil steht der Tisch auch nicht.
Bei einer Bankbreite von 120 Zentimetern sind der dritte Gurtplatz und auch die Isofix-Halterungen aber tatsächlich nicht nur Deko. Die Bank verfügt sogar über eine Sitzheizung (die bei Landstromversorgung theoretisch auch beim Schlafen zur Verfügung steht), USB-Steckdosen und ein großes, abschließbares Staufach. Auch lässt sie sich deutlich leichter verschieben als im Vorgängermodell, nur eben nicht entnehmen. Auf Konturen verzichten die Polster nach wie vor, was wiederum dem Liegekomfort zugutekommt.
Um die Sitzbank in ein Doppelbett zu verwandeln, braucht es etwas Routine beziehungsweise Geduld – allem voran, weil der Fahrersitz exakt positioniert werden will. Schneller geht’s in Fahrtrichtung, doch dann fehlen wertvolle Zentimeter Liegelänge. Andererseits ist die schräge, schmale Sitzfläche nicht gerade prädestiniert als Kopfteil. Streng genommen ist das Bett also nur 186 Zentimeter lang.
Dass die Füße derweil in einer gepolsterten Aussparung im Küchenblock parken, klingt ungewöhnlicher, als es sich anfühlt. Seit dem Modellwechsel ist diese Aussparung auch rückseitig geschlossen und eignet sich somit perfekt, um sperriges Bettzeug zu verstauen. Zudem wird der Warmwasserboiler (Serie!) nun unterhalb der Liegefläche angebracht und dadurch etwas mehr Beinfreiheit gewonnen.
Trotzdem bleibt im Staufach unter dem Bett Platz für einen größeren Wassertank (plus 11 l) und eine mobile Toilette. Kunden können zwischen einem Porta Potti für 199 Euro und einer Trenntoilette für 375 Euro wählen. Auch eine fest verbaute Kassettentoilette bieten Ford und Westfalia für 629 Euro an. Jedoch erscheint uns eine der mobilen Varianten logischer, wo es ohnehin keinen geschlossenen WC-Raum gibt.
Damit, und mit der serienmäßigen Warmwasser-Außendusche, ist der „Sanitärbereich” zwar minimalistisch, der Effekt aber nicht zu unterschätzen: Erst hier beginnt die Freiheit; nur wer eine Toilette an Bord hat, kann wirklich ruhigen Gewissens wild campen. Klappspaten hin oder her und im Falle der Chemietoilette wenigstens für drei bis vier Tage.
Ohne fest verbaute Toilette beziffert Ford den Stauraum der Kleiderschränke auf ganze 676 Liter. Sie sind zudem innenbeleuchtet und durch Regalböden sinnvoll unterteilt. Tatsächlich gibt es kaum einen Campingbus, in dem sich vergleichbar viele Klamotten und Vorräte ähnlich akkurat einsortieren lassen.
Wer von der Sitzgruppe nach hinten durchrutschen will, muss eine 36 Zentimeter schmale Engstelle passieren – dann öffnet sich der Heckbereich, der mit langem Radstand spürbar größer ausfällt. Obwohl der Grundriss unberührt bleibt, unterscheidet sich das Herzstück aller Nuggets, die L-förmige Küche, deutlich vom Vorgängermodell. Die Stühle beispielsweise wandern in die Verkleidung der Heckklappe, wodurch das gesamte Möbel verlängert werden konnte. Über ein Meter Arbeitsfläche steht so zur Verfügung – nun dauerhaft, seit der Kühlschrank als Schublade und nicht mehr als Toploader ausgeführt ist. Der ist außerdem richtig übersichtlich und hoch genug für größere Flaschen.
Kocher und Spüle sind jetzt als Kombigerät ausgeführt und etwas kleiner, aber ausreichend. Kochgeschirr und Besteck nimmt der Küchenblock auf – von allem so viel, dass eine vierköpfige Familie locker damit auskommt.
Was schon zu zweit auffällt und zu viert nur noch deutlicher werden dürfte: Dem Grundriss gelingt es wie keinem zweiten, dass ein Teil der Reisenden in der Sitzgruppe bequem einer anderen Beschäftigung nachgehen kann, während im Heck gekocht wird. Elternteil Eins bespaßt die Kinder, während Elternteil Zwei das Abendessen zubereitet; oder aber das Frühstück, während alle anderen – ob im Dachbett oder auf der umgeklappten Sitzbank – ungestört liegen bleiben können.
Dachbett und Aufstelldach haben ebenfalls ein paar Tricks auf Lager. Zunächst einmal genügt Westfalia ein einziger Verschluss, dessen Bedienung keinerlei Kraftaufwand erfordert. Eine große Hilfe sind auch die Fiberglasstäbe, die neuerdings im Zeltbalg eingenäht sind und den Stoff zuverlässig in Position fallen lassen.
Die bequeme Matratze liegt größtenteils auf Federtellern vom Zulieferer Froli, das Kopfteil lässt sich jetzt aufstellen. Zudem stellt sich das Bettgestell abknickend auf, um die Stehhöhe darunter zu vergrößern. Ansonsten gibt es drei große Fenster mit Fliegengitter, zwei Schwanenhalslampen samt USB-C-Steckdose und auf der Beifahrerseite eine große Ablagefläche inklusive induktiver Ladeschale fürs Smartphone. Auch an das neue Bedienpanel kommt man bestens, zum Beispiel um die Heizung, den Kühlschrank oder das Licht nachzujustieren. Eine Leiter, die den Aufstieg ins Dachbett erleichtert, ist Serie.
Optional verfügbar: ein Solarmodul, das für 2.995 Euro Aufpreis rekordverdächtige 365 Watt Spitzenleistung generieren soll. Mit ihm würde auch dieser Testwagen die 100.000-Euro-Marke knacken.
Zugegeben, die Verarbeitungsqualität, die umfangreiche Ausstattung der Active-Variante und noch mehr die des Testwagens rechtfertigen den Preis teilweise. Sofern es der Geldbeutel zulässt, würden wir an der Konfiguration nicht viel ändern. Wichtig ist aber, dass sich der Fahrradträger für die Heckklappe und der digitale Rückspiegel nicht vertragen – damit sind schon mal rund 1.300 Euro gespart – aber auch, dass die Gasflasche selbst für rund 100.000 Euro noch nicht zur Serienausstattung gehört. Macht nach Ford-Preisliste nochmal 109 Euro.
Dass der Nugget durch seinen Grundriss nur bedingt auch mal als Umzugshelfer dient, ist im Alltag leicht verziehen und im Urlaub schnell vergessen. Die Aufteilung hat andere Qualitäten. Anders als bei Campingbussen mit fahrerseitiger Möbelzeile und Klappsitzbank daneben, bei denen dieselbe Fläche für verschiedene Aufgaben genutzt wird, gibt es beim Nugget für fast jeden Nutzen einen speziellen Bereich. Fast wie Wohnstube, Küche und Schlafzimmer zu Hause. So entsteht richtig viel Komfort – in der neuesten Generation und mit langem Radstand nochmal mehr. Das sind schon gute Argumente.