Der Westfalia Kipling bietet vier Sitz- und vier Schlafplätze – ohne Umbau der Sitzbank. Wir haben den Campervan auf Ford Transit Custom in Frankreich ausprobiert.
Möglichst viel Nutzen auf möglichst wenig Fläche – das ist die Quadratur des Kreises, an der sich fast alle Hersteller von Campingbussen versuchen. Oft von vornherein gesetzt: Die verschiebbare Sitzbank lässt sich zur Liegefläche umbauen. Dieser Doppelnutzen bringt Platzersparnis, doch erkauft der Urlauber sich dies oft mit Kompromissen beim Liegekomfort und nächtigt dann doch oft auf konturierten Sitz- und Rückenpolstern oder auf den ebenfalls nicht übermäßig bequemen, meist sehr straffen Polster-Rückseiten des Gestühls. Ein Topper schafft Abhilfe, beansprucht aber wiederum Platz.
Eine andere Lösung bietet Westfalia in seinem neuen Modell Kipling auf Basis des 5,45 Meter langen Ford Transit Custom II mit 2,0-l-Turbodiesel mit 100 kW/136 PS, optional mit 125 kW/170 PS. Gleich auf den ersten Blick fallen im Innenraum einige Besonderheiten auf. Zum einen fehlt an der fahrerseitigen Seitenwand der Küchenblock, denn den installiert der Hersteller wie bei einem Kastenwagen am hinteren Ende der Schiebetüröffnung. Warum? Weil der Westfalia mit dem Kipling-Paket unter anderem eine zweite Schiebetür bietet.
Eigentlicher Clou ist aber das Doppel-Querbett im Heck: Es bezieht die Zweier-Sitzbank davor nicht mit ein, die Sitzgruppe bleibt damit zu jeder Zeit voll nutzbar.
Gegenüber der Küche eine weitere Besonderheit: Hier baut der Campervan-Spezialist jenseits des Mittelgangs den Kühlschrank ein und darunter ein ausziehbares Dreh-WC. Eine Kombination, die sicherlich Geschmacksache ist. Nach Aufstellen des Schlafdachs komplettiert eine Liegefläche für zwei weitere Urlauber den Grundriss.
Weil Westfalia zur französischen Rapido-Gruppe gehört, entstehen einige Modelle bei Fleurette. So hatten wir die Gelegenheit, den Westfalia Kipling in der Region Nouvelle-Aquitaine auszuprobieren. Vom Fleurette-Werk im 4.059-Seelen-Ort Benet bei Niort in der Region Pays de la Loire führt unsere Fahrt über Coulon und Sansais nach Mauzé-sur-le-Mignon und von dort schnurstracks in Richtung Atlantik. Gegen Aufpreis ist unser Fahrzeug mit 2,0-Liter-Turbodiesel mit 125 kW/170 PS, Achtgang-Automatikgetriebe und Allradantrieb ausgestattet. So fährt sich das wendige Vierer-Mobil auf Ford Transit Custom wie ein Pkw. Der 4×4-Antrieb macht den Westfalia nicht zum Geländewagen, nimmt aber rutschigen Schotterwegen und feuchten Wiesen den Schrecken. Und als das Navi uns zum zweiten Mal falsch leitet, gelingt mit 3,5 Metern Radstand auch der U-Turn auf freier Route noch problemlos. Die Geräuschkulisse während der Fahrt ist angenehm. Motor- und Windgeräusche halten sich zurück, auch am Westfalia-eigenen Aufstelldach entsteht kaum ein Rauschen. Möbelklappern? Fehlanzeige.
In Châtelaillon-Plage finden wir am Ortsrand ein schönes Plätzchen an der Küste. Es ist immer wieder faszinierend, dem Spiel der Gezeiten zuzuschauen. Was liegt hier näher, als eben mal das Schlafdach aufzustellen und dem Treiben der Wellen vom Oberstübchen aus zuzusehen? Schnell die klappbare Leiter einhängen und ab nach oben. Die 181 x 128/120 Zentimeter große Matratze ist mit vier Zentimetern Dicke zwar recht dünn, liegt aber auf unterlüfteten Federtellern von Clima Plux, so dass der Liegekomfort besser ist als gedacht.
Nach Öffnen der Stoffwände vorne und an den Seiten fällt der Blick durch Moskito-Gaze, die sich leider nicht öffnen lässt. Durch ihr feinmaschiges Netz ist der Blick etwas getrübt. Was aber schwerer wiegt: Das Dachgeschoss wird so zur Insektenfalle.
Ansonsten aber überzeugt das Schlafdach mit solider Scherenmechanik, kräftigen Gasdruckdämpfern als Aufstellern und isolierter Dachschale. Tagsüber gleitet die zweiteilige Liegefläche von vier Gasdruckdämfern angehoben hoch an die Unterseite des Aufstelldachs. Zwei LED-Schwanenhalsleuchten mit USB-Steckdose im Bereich des Kopfendes lassen sich von Wohnraum und Dachbett aus nutzen. Nach kurzer Siesta bei Meeresrauschen gefällt beim Absenken der sauber verarbeiteten GfK-Schale die ebenso einfache wie wirksame Verriegelung mit zwei Zurrgurten.
Zeit für einen Espresso aus der guten alten Bialetti. Den Zweiflamm-Gasherd von Dometic mit elektrischer Zündung, Glasdeckel und 21 Zentimetern Brennerabstand lässt der Hersteller neben der Rechteckspüle in der mit 97 Zentimetern erfreulich breiten und rund 37 Zentimeter tiefen Arbeitsplatte ein. Die hochaufragende Metallarmatur versorgt eine Druckwasserpumpe. Das ist bei Campingbussen nicht selbstverständlich. Ein nach vorne öffnender Auszug sowie zwei große Schubladen bunkern Geschirr und Proviant. Für zwei Urlauber reicht das Stauraumvolumen der Küche gut aus, bei vier Campern ist der Platz naturgemäß recht knapp.
Das Gleiche gilt für den 51-Liter-Kompressorkühlschrank von Vitrifrigo, den Westfalia jenseits des Mittelgangs und dort unmittelbar über dem Auszug für die drehbare Kassettentoilette einbaut. Über diesem Ensemble hat der Hersteller an einen klappbaren Spiegel gedacht.
An der Sitzgruppe, bestehend aus der mit 91 Zentimetern recht breiten Zweier-Sitzbank mit Dreipunkt-Sicherheitsgurten und hohen Kopfstützen, dem Tisch sowie den dreh- und höhenverstellbaren Vordersitzen mit je zwei Armlehnen finden zwei Leute bequem, vier Urlauber ausreichend Platz. Auch die Beinfreiheit geht in Ordnung. Und mit 83 x 59 Zentimetern ist die Tischplatte im kompakten Westfalia Kipling sogar größer als in so machem Reisemobil. Dank Klappbeinen an der Tischplatte lässt sich dieses Möbel auch freistehend draußen nutzen. Für die Fahrt findet sie ihren Platz an der Innenseite der Heckklappe, wohingegen das zentrale Tischbein für drinnen in einer Halterung links im Heck unterkommt. Diese Lösung spart Platz, allerdings belastet sie die Gasdruckdämpfer zusätzlich, was mit den Jahren zu erhöhtem Verschleiß führen kann.
Das Doppel-Querbett im Heck des Westfalia Kipling ist ein echtes Kaufargument: Über dem Heckstauraum besteht es aus zwei 64 und 64/60 Zentimeter breiten Matratzen und kommt inklusive Zusatzpolster für Kopf- und Fußende auf 1,88 Meter Länge. Um das verschiebbare Dreh-WC sowie einen Schrank auf der gegenüberliegenden Seite besser zu erreichen, lässt sich der vordere der beiden Holzlattenroste in den hinteren schieben. Wer mit den 188 Zentimetern Bettlänge klarkommt, für den ist das Heckbett gegenüber dem ebenfalls bequemen Schlafdach die komfortablere Wahl. Licht spenden hier vier LED-Einbauspots.
Schiebt man den hinteren Holzlattenrost des Doppel-Querbetts in den vorderen oder entfernt beide Matratzen und Holzlattenroste aus dem Kipling, vergrößert sich die Höhe des 111 Zentimeter langen und 107 Zentimeter breiten Heckstauraums von 70/75 Zentimetern auf 133 Zentimeter bis unter das Dachbett. Dann passt auch sperriges Urlaubsgepäck in den 5,45-Meter-Campingbus. Hierfür rüstet Westfalia den Heckstauraum dank Kipling-Paket mit zwei Schienen für verschiebbare Zurrösen sowie mit zwei fest montierten Zurrösen aus. Ein schwenkbarer LED-Einbauspot hilft beim Be- und Entladen im Dunkeln.
Der Gasflaschenkasten befindet sich im Heckstauraum hinten rechts. Sein Holz-Korpus ist mit Slilikon, die Holztür mit einem Gummiprofil abgedichtet. Für den zweiflammigen Herd sowie den optionalen Warmwasserboiler reicht die für den Gasflaschenkasten vorgesehene 2,75-Kilogramm-Gasflasche gut aus.
Den Innenraum temperiert eine 2,2-kW-Diesel-Luft-Heizung von Eberspächer, unterflur installiert vor dem linken Hinterrad. Warmwasser für die Küchenarmatur sowie für die im Heckstauraum installierte Außendusche liefert ein Zehn-Liter-Gas-Warmwasserboiler von Truma aus dem Kipling-Paket, eingebaut in der Sitzbanktruhe. In der der Konsole des Beifahrersitzes hingegen kommt der ebenfalls im Kipling-Paket gelistete AGM-Bordakku mit 92 Ah Kapazität unter.
Der Ausflug mit dem Kipling an die Atlantikküste hat einmal mehr gezeigt, wie sehr es Westfalia versteht, praxistaugliche, kompakte Campervans zu bauen.